Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 20.06.2019


Bühne

Felix Mitterers „Krach im Hause Gott“: Amtsmüde in die Apokalypse

Kurzweiliges Gefrotzel an religionskritischen Gemeinplätzen: Felix Mitterers „Krach im Hause Gott“ beim Steudltenn-Festival in Hochfügen.

Männliches Ringen um Macht: Teufel (Francesco Cirolini), Heiliger Geist (Florian Adamski), Gott (Cristo Melingo) und Gottessohn (Gregor Kronthaler, v. l.) sitzen zu Gericht.

© Christian WindMännliches Ringen um Macht: Teufel (Francesco Cirolini), Heiliger Geist (Florian Adamski), Gott (Cristo Melingo) und Gottessohn (Gregor Kronthaler, v. l.) sitzen zu Gericht.



Von Joachim Leitner

Hochfügen – Die Genese von Felix Mitterers „Krach im Hause Gott“ ist vertrackt: Vor seiner Stückwerdung war es (gestrichenes) Vorspiel für Mitteres Josefstadt-„Jedermann“ (1991), später ORF-Hörspiel (1993). Dann erst wurde der Stoff zum Schauspiel – und bei den Bregenzer Festspiele 1994 uraufgeführt. In den Jahren darauf entwickelte sich „Krach im Hause Gott“ – wie Mitterer in seinem im Vorjahr erschienenen „Lebenslauf“ schreibt – zum Dauerbrenner. 1998 etwa wurde das vom Autor kokett als „modernes Mysterienspiel“ apostrophierte Stück in der Innsbrucker Christuskirche gespielt. Versuche, auch ein katholisches Gotteshaus für den himmlischen Thesen- und Rosenkrieg zu finden, scheiterten.

Besonders, wenn auch ungleich weltlicher, ist die Kulisse für die jüngste Neuinszenierung von „Krach im Hause Gott“: Im Rahmen des Steudltenn-Festivals lässt Regisseur Klaus Rohrmoser Gott und Konsorten auf der Terrasse eines Hochfügener Touristentempels über die Zukunft der Menschheit streiten: Man blickt also über Gerhard Kainzers Bühnenbild (ein aus Paletten zusammengezimmerter Konferenztisch) hinweg auf das, was vom Winterwunderland bleibt, wenn Sommer ist.

Inhaltlich ist der Rahmen schnell abgesteckt: Gott (facettenreich zwischen Elder Statesman und Schwerenöter: Cristo Melingo) ist amtsmüde und auf die Apokalypse aus, der Heilige Geist (Florian Adamski als verhuschter Speichellecker vor dem Herrn) befeuert den Zerstörungsdrang des erschöpften Schöpfers. Teil drei der thronenden Dreifaltigkeit, der dornengekrönte Menschensohn (wuchtig: Gregor Kronthaler), will die Menschheit verteidigen, göttliche Selbstgerechtigkeit beklagen und die eigene Leidensbereitschaft ausstellen – darf aber nicht. Der Part des Advocatus diavoli am eilig einberufenen Jüngsten Gericht fällt dem Teufel zu (auch und gerade in den betont unteuflisch-verletzlichen Momenten bestechend: Francesco Cirolini). Dessen Strategie ist klar: Nicht der Mensch trägt Schuld am irdischen Desaster, sondern Gottes in institutionelle Gewalt gegossene Geltungssucht. Davon ausgehend wandert die Buberlpartie Gemeinplätze gängiger Religionskritik ab. Auf Aha-Argumente wartet man vergebens. Kurzweilig sind Geplänkel, Gezeter und Gefrotzel trotzdem. Weil sich das Ensemble bei Predigt und Gegenpredigt engagiert ins Zeug legt und Rohrmoser die bodenständigen Aspekte des Stücks unterstreicht: die Pointen, die von großen Gesten begleiteten Plattitüden, das Gepolter. Mehr Lust- als Mysterienspiel.

Im zweiten Teil führt Mitterer mit der Gottesmutter (wunderbar wandelbar: Jula Zangger) eine „dea ex machina“ in die machtversessene Männerrunde ein. Auf dem Weg zur finalen Versöhnung werden fortan die Standards feministischer Religionswissenschaft durchdekliniert: Erst wenn Weiblein und Männlein gemeinsam werken und wirken, hat die Zukunft eine Zukunft. Das kann man hoffnungslos naiv finden und darf es als heillos verkitscht verfluchen. Irgendwie erbaulich ist es trotzdem. Vielleicht liegt darin das – wahrlich nicht moderne – Mysterium.