Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 13.07.2019


Impulstanz-Festival

“Macbeth“: Großes Tanztheater mit blutigem Seziermesser

Johann Kresniks „Macbeth“-Rekonstruktion ist die glanzvolle Eröffnungspremiere des Wiener Impulstanz-Festivals.

Gottfried Helnweins Badewannen sind Leichengefäße, denen in Kresniks Tanz-Paraphrase von „Macbeth“ Opfer wie Täter entsteigen.

© Dieter WuschanskiGottfried Helnweins Badewannen sind Leichengefäße, denen in Kresniks Tanz-Paraphrase von „Macbeth“ Opfer wie Täter entsteigen.



Von Bernadette Lietzow

Wien – Blutrot leuchtet am Volkstheater der Bühnenvorhang, davor ein geräumiges Becken mit Klavier, an dem die Pianisten Bela Fischer jr. und Stefanos Vasileiadis ihr vierhändiges Spiel beginnen.

Einzelne, zaghaft dumpfe Töne erklingen, während der Blick frei wird auf die gleißend helle Szenerie eines Leichenschauhauses. Klirren und Krachen, wenn die Riegel des riesigen Metalltores zurückgeschoben werden und ein schwarz gewandeter Priester den ersten von zahlreichen Kübeln voller Blut und menschlichem Gedärm in den Graben-Trog entleert.

In Wannen liegen, in weiße Tücher gehüllt, die Tänzerinnen und Tänzer, die sich in den folgenden 110 Minuten mit virtuoser Hingabe Shakespeares „Macbeth“ widmen, das Johann Kresnik mit den Mitteln seines „Choreografischen Theaters“ (die TT berichtete) gleichsam seziert.

Die grausame Tragödie um den ehrgeizigen Heerführer Macbeth, der per Weissagung von Hexen zum schottischen König avanciert und dessen Machtgelüste ihn zum vielfachen Mörder werden lassen, gestaltet der aus Kärnten stammende Nestor der Tanz-Erneuerung als Bewegungs-Bilderbogen über politisches Ränkespiel und Machtmissbrauch. Mit dem Komponisten Kurt Schwertsik und dem Maler Gottfried Helnwein holte er 1988 – das Stück hatte vor über 30 Jahren Premiere! – zwei kongeniale Partner in sein mit einigem Blut gefülltes Boot.

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Dunkel bis fast lieblich begleiten Schwertsiks Klänge das Geschehen, Helnweins oftmals schockierende Bildersprache zeigt auch in der Dreidimensionalität messerscharfe Wirkung. Die „Rekonstruktion“ des nur scheinbar alten Werkes setzte Kresnik letztes Jahr in Linz um. Nun eröffnete die Produktion das Impulstanz-Festival in Wien – als Ehrung zum nahenden 80. Geburtstag des Künstlers.

Selten berührend, dafür umso entsetzlicher geraten die Szenen, wenn Macbeth (Pavel Povraznik) von den Hexen (Kayla May Corbin, Tura Gómez Coll, Rutsuki Kanazawa) mit Blut gesäugt wird, wenn im pastellfarbenen übergroßen Heim Kinder wie Mutter Macduff hingemetzelt werden.

Lady Macbeth (Andressa Miyazato) wandelt im roten Kleid in den Gefilden des Wahnsinns, während ihr Gemahl in gigantischen Soldatenstiefeln durch einen Wald aus gespitzten Bleistiften irrt.

In Anspielung an den mysteriösen Tod des korrupten deutschen Politikers Uwe Barschel 1987 in einem Genfer Hotel bettet Kresnik seinen Macbeth im intensiven Schlussbild in die bekannte Badewanne.

Ovationen für die jungen Senioren Kresnik, Schwertsik und Helnwein wie für das hervorragende Ensemble.