Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 15.07.2019


Bezirk Kufstein

Festspiele Erl: “Guillaume Tell“ wieder in Hofers Heimat

Gioacchino Rossinis letzte große Oper, „Guillaume Tell“, noch einmal bei den Tiroler Festspielen Erl, diesmal in der französischen Urfassung.

Der Freiheitskämpfer Guillaume Tell (Andrea Borghini) im Schutz des Waldes der von den Habsburgern besetzten Schweizer Urkantone.

© Xiomara BenderDer Freiheitskämpfer Guillaume Tell (Andrea Borghini) im Schutz des Waldes der von den Habsburgern besetzten Schweizer Urkantone.



Von Ursula Strohal

Erl – In dieser Oper liegt so viel Zukunft. Donizetti und Bellini hatten genau hingehört, Verdis Musik wäre anders ohne sie und Wagner fand dort seine Ansätze zum Gesamtkunstwerk. Gioacchino Rossinis „Guillaume Tell“, 1829 in Paris uraufgeführt, war auch als Feier des politischen Widerstands voraus, brandaktuell Ende Juli 1930, als viele Besucher der Pariser „Tell“-Aufführung auf die Barrikaden gingen. Als das Werk, zensurbegleitet, die Bühnen Europas eroberte, wurde in London und an der Berliner Hofoper aus dem Titelhelden Andreas Hofer.

Bei den Tiroler Festspielen Erl gab es nun, in einer einzigen Aufführung, unter neuem Aspekt ein Wiederhören mit der Oper. War „Guglielmo Tell“ 2016 in der dreiaktigen italienischen Fassung zur Premiere gelangt, so kam nun mit „Guillaume Tell“ das vieraktige französische Original auf die Bühne, „nach einer Produktion von Furore di Montegral (Regie: Gustav Kuhn, Bühne: Alfredo Troisi, Kostüme: Lenka Radecky, Choreographie: Katharina Glas)“.

Als Grand Opéra wird „Tell“ schlüssiger, in den Tableaus und dem Einsatz des Balletts, das damit dem damals zwingenden Publikumsgeschmack geschuldet ist und nicht nur die personenreiche Statik auflockert. Die Personenführung, etwa das große Duett des Liebespaares, wurde intensiviert, Störendes entfernt. Die acht Tänzerinnen und Tänzer haben teils erweiterte Aufgaben, ihre nahezu peinliche Szene rund um den Tyrannen Gesler vor dem Apfelschuss ist leider geblieben. Allgegenwärtig werden die zwölf riesigen Baumfrauen mit ihren graziösen, Ästen im Wind abgeschauten Armbewegungen vor ergänzender Prospektmalerei je nach Raumbedarf herumgeschoben, Schutzwald für die unterdrückten Schweizer im Kampf um die Heimat und Natur schlechthin, manchmal romantischem Naturmythos oder auch Naturgefährdung nahe.

Der eigentlich beflügelnde Zauber stieg aus dem Graben, wo Michael Güttler die Zügel in der Hand hielt und präzise differenzierend, romantisch blühend und emotionsreich die Geschichte mit allen Zwischentönen erzählte. Die konzertant ausgearbeiteten instrumentalen Passagen trafen auf sorgfältigste Widmung der Solisten und Chöre, und im alles niederschmetternden Sturm machte sich ein wenig heitere Lust frei. Das Orchester folgte dem hochmusikalischen, exzellenten Dirigat auf seine elegante, höchst aufmerksame, in den Soli bestechende und im Schmettern nie aufdringliche Weise.

Die zentralen Partien waren neu besetzt. Tell mit dem spielintensiven, mit ausdrucksvollem Bariton durch die Partie gehenden Andrea Borghini. Die gefürchtete Rolle des Arnold sang Sung Min Song geschmeidig glänzend mit sicheren Höhen, Sophie Gordeladze gestaltete die Prinzessin Mathilde mit klangvoll duftiger Sopranlyrik. Neu auch der mächtige Zelotes Edmund Toliver als Melchthal und Matteo Macchionis heller Fischer. Brillant, diesmal auch mit der großen Arie, Bianca Tognocchis Jemmy. Gut besetzt wie einst Giovanni Battista Parodi als Gesler, Anna Lucia Nardi als Hedwig, Adam Horvath als Walter Fürst sowie als Leuthold, Rodolphe und Jäger Nicola Ziccardi, Giorgio Valenta und Frederik Baldus.

Nach dem Schlusstableau kochte das Haus vor Begeisterung.