Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 18.07.2019


Bühne

“Masurca Fogo“ in Wien: Portugiesische Melancholie mit Bart

„Masurca Fogo“ beim Impulstanz: Das Tanztheater Wuppertal präsentiert Pina Bauschs Lissabon-Hommage.

Zehn Jahre nach Pina Bausch Tod kam ihre Choreografie „Masurca Fogo“ nun zur Österreichischen Uraufführung.

© Oliver LookZehn Jahre nach Pina Bausch Tod kam ihre Choreografie „Masurca Fogo“ nun zur Österreichischen Uraufführung.



Von Bernadette Lietzow

Wien – Großer Auftritt für Pina Bausch, im Gedenken an die vor zehn Jahren verstorbene deutsche Choreografin: Im Burgtheater residiert als einer der Glanzpunkte des diesjährigen Impulstanz-Festivals für ambitionierte vier Abende das Tanztheater Wuppertal, das sich mit dem Beinamen „Pina Bausch“ dem Andenken und Weiterleben des Schaffens der stilprägenden Künstlerin verschrieben hat.

Mit „Masurca Fogo“, dessen Österreich-Premiere am Dienstag mit Standing Ovations bedacht wurde, ist eine Rekonstruktion ihres 1998 entstandenen Lissabon-Porträts zu sehen. Ein schwarzer Lavafelsen dominiert den Hintergrund der weiten Bühne und mutiert im Lauf der zweieinhalbstündigen Erkundung unterschiedlichster Winkel der portugiesischen Hauptstadt wie deren Seele zum Badestrand, zum verschwiegenen Treffpunkt von Paaren, oder bleibt schlicht im „Bergauf, bergab“-Aktionsfeld des quirligen Ensembles aus neuen und „altgedienten“ Mitgliedern der Compagnie.

Peter Pabst, der Bühnenbildner und langjährige künstlerische Wegbegleiter von Pina Bausch, stellt zudem mit allerlei Videoeinspielungen und kleinen Requisiten – hier ein Stuhl, da ein Tisch, an dem eine Mutter ihrem Sohn ein üppiges Mahl kredenzt – eine südlich-unbeschwerte Szenerie vor: einen Begegnungsraum für die zwanzig Tänzerinnen und Tänzer und ihre zwischenmenschlichen Annäherungen wie Konflikte. Videos einer kapverdischen Band, rosa Flamingos, riesige, sich im Zeitraffer öffnende Blüten, am Ende tosende Meeresbrandung entfalten auf der breiten Leinwand große Wirkung.

Unzählige Sounds (vom Band) von Fado, Swing und Jazz bis zu einer orchestralen Version von „Model“ der Gruppe Kraftwerk und dem Hadern „All I need is the air that I breathe“ sind das tönende Werkzeug für tänzerische Hochleistungen, von seltsam verhalten-intensiven Paartänzen, Solos, waghalsigen Hebefiguren bis zu klamaukigen Körperentäußerungen. Eine von zwei Performern hochgehaltene Plastikplane wird da zum Erlebnisbecken, dem schließlich ein Walross entsteigt, in der Schaum-Badewanne liegend wäscht eine Frau Geschirr, über aller Leichtigkeit schwebt jedoch die leise Melancholie von den Untiefen der Mann-Frau-Beziehung.

TT-ePaper gratis testen

Jetzt kostenlos TT-ePaper lesen, das Test-Abo endet nach 4 Wochen automatisch

Schritt 1 / 3

In nur 30 Sekunden gelangen Sie zum kostenlosen Test-Abo.

Im umfassenden und vielfach verstörend radikalen Oeuvre der Pina Bausch nimmt „Masurca Fogo“ eine beschwingt-fröhliche Rolle ein und wirkt vielleicht gerade dadurch aus der Zeit gefallen. Nine Eleven und Bataclan, Social Media, Rechtsruck und neoliberaler Optimierungsdruck haben die Welt verändert und verlangen nach rigoroseren Positionen, die das zeitgenössische Tanztheater sehr wohl einzunehmen versteht. Insofern verharrt diese im Wortsinn wundervolle Produktion in einer Form von ästhetischer Unterhaltung, wenn auch auf höchstem Niveau.