Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 19.07.2019


Tiroler Volksschauspiele

Überlebensgroßer Schaukasten in Telfs

Die Südtiroler Siedlung in Telfs ist Spielort des Mitterer-Stücks „Verkaufte Heimat“ bei den Tiroler Volksschauspielen. Die Geschichte von „Optanten“ des Jahres 1939 wird an einem Originalschauplatz inszeniert.

50 Darsteller, darunter etliche Kinder, werden für das Stück aufgeboten.

© Thomas Boehm / TT50 Darsteller, darunter etliche Kinder, werden für das Stück aufgeboten.



Von Markus Schramek

Telfs – Die Erwartungen sind groß. Fast so hoch wie „die Munde“, wie der Hausberg liebevoll genannt wird. Gleich zwei Landeshauptleute haben sich angesagt. Der hiesige Regionalchef Günther Platter und sein Südtiroler Amtskollege Arno Kompatscher kommen zur Premiere der Tiroler Volksschauspiele am 25. Juli nach Telfs. Um Tirol und Südtirol geht es auch im Hauptbeitrag des Theaterfestivals, das seine 37. Auflage erlebt. Das Stück „Verkaufte Heimat – Das Gedächtnis der Häuser“ macht die so genannte Option zum Thema.

Option klingt nach echten Möglichkeiten. Doch solche gab es nicht im Jahr 1939, es war eine Wahl zwischen Pest und Cholera. Die Südtiroler mussten sich damals entscheiden: Entweder „heim ins Reich“ auszuwandern, nach Nazideutschland mitsamt dem angeschlossenen Österreich, wo die Neuankömmlinge nicht selten angefeindet wurden. Oder daheim zu bleiben, als „walsche Verräter“, die sich der Italianisierung beugten und Deutsch nur noch im Verborgenen sprechen konnten. Die Diktatoren Hitler und Mussolini hatten diesen teuflischen Pakt ausverhandelt.

Die Zusehertribüne bietet ein Dach und mehr als 400 Sitzplätze.
Die Zusehertribüne bietet ein Dach und mehr als 400 Sitzplätze.
- Thomas Boehm / TT

Der Schauplatz des Theaterstücks könnte authentischer nicht sein: die Südtiroler-Siedlung in Telfs mit ihren vormals 240 Wohnungen. Dort ließen sich nach 1939 Hunderte Südtiroler nieder.

Die abgewohnten Gebäude werden seit einigen Jahren vom Bauträger Neue Heimat abgerissen und durch Neubauten ersetzt. Für die Volksschauspiele bot sich damit „ein Jahrhundertspielplatz“, wie Obmann Markus Völlenklee gestern bei einem Lokalaugenschein frohlockte. Im Zuge der Abrissarbeiten wurde eine Häuserzeile mit großem Aufwand zum Spielort umgestaltet.

Ein Abrisshaus wurde fürs Theater zum „Municipio“ (Gemeindeamt) umgewandelt. Darauf steht: „Il Duce ha sempre ragione“ – der Duce (gemeint ist Mussolini) hat immer Recht.
Ein Abrisshaus wurde fürs Theater zum „Municipio“ (Gemeindeamt) umgewandelt. Darauf steht: „Il Duce ha sempre ragione“ – der Duce (gemeint ist Mussolini) hat immer Recht.
- Thomas Boehm / TT

Regisseur Klaus Rohrmoser und Bühnenbildner Karl-Heinz Steck überwachten den Umbau. Nach dessen Beendigung bescheinigten zwei Statiker dem Gebäude die nötige Standhaftigkeit. Hannes Gschwentner, Chef der Neuen Heimat, übergab Obmann Völlenklee das entsprechende Gutachten.

Wie ein Schaukasten im XXL-Format wirkt der Abrissbau jetzt. Die Fassade ist gespickt mit riesigen Öffnungen. Im Inneren von drei Häusern wird das Stück von 50 Darstellern in Szene gesetzt. Gegenüber, auf einer überdachten Tribüne mit mehr als 400 Sitzplätzen, ist das Publikum untergebracht.

Grundlage für die Telfer Uraufführung ist der TV-Zweiteiler „Verkaufte Heimat“ von 1989. Regie führte Karin Brandauer, Felix Mitterer schrieb das Drehbuch. Mitterer, Vorstandsmitglied in Telfs, arbeitete seinen TV-Text zum Theaterstück um. Kürzen war eine der Hauptaufgaben. Die Energie dazu tankte Tirols Paradedramatiker vor Ort in Südtirol – in seiner Wohnung am Kalterer See. Die Arbeit war offenbar erfolgreich: Die Theaterfassung der „Verkauften Heimat“ wurde von 3,5 auf 2,5 Stunden Spielzeit (inklusive Pause) eingedampft.

Es ist die größte Produktion, die Telfs je gestemmt hat, mit einem Budget von 850.000 Euro. Die Gemeinde Telfs schießt 180.000 Euro bei, das Land Tirol 200.000, der Bund 80.000. Der Rest muss über Sponsoren und Ticketverkäufe hereinkommen.

„Ob das Budget hält, wissen wir erst nach der Spielzeit“, sagt Geschäftsführerin Silvia Wechselberger. Wie alle (gesamt 100) Beteiligten in Telfs ist sie optimistisch: „Das wird eine tolle Sache.“