Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 19.07.2019


Bregenzer Festspiele

Lässt sich „Rigoletto“ erklettern?

Erst das Staunen, dann das Hören – und zuletzt das eigentliche Stück: Giuseppe Verdis „Rigoletto“ als neues Spiel im Zirkus und am See bei den Bregenzer Festspielen.

Der Hofnarr als gespenstischer Clown: Vladimir Stoyanov als Rigoletto auf der Bregenzer Seebühne.

© APADer Hofnarr als gespenstischer Clown: Vladimir Stoyanov als Rigoletto auf der Bregenzer Seebühne.



Von Jörn Florian Fuchs

Bregenz – Ach, Gilda! Irgendwie hatten wir die Hoffnung, dass du dich in all dem bunten Tohuwabohu heimlich davonschleichst. Vielleicht mit einem der Artisten. Oder gar mit dem Messerwerfer. Doch halt! Letzteres wäre zu unwahrscheinlich. Nicht nur, weil der Herr seinen Schädel gern als Totenkopf schminkt. Sondern vor allem, weil er ja Sparafucile ist, der Erz-Bösewicht und Mörder in Giuseppe Verdis „Rigoletto“. Miklós Sebestyén singt und spielt ihn toll. Aber wie wäre es mit Marullo (Wolfgang Stefan Schwaiger)? Okay, nicht gerade die hellste Kerze auf der Torte ... Aber wenigstens Borsa? Der tanzte immerhin zu Beginn des Spektakels auf Rigolettos riesigem Kopf und hielt eine luftig-lustige Rede ans Publikum, man möge doch bitte auf Fotos etc. verzichten, es störe die Akteure auf der Bühne, und überhaupt. Paul Schweinester entpuppt sich darauf als ebenso witzige wie stimmstarke Besetzung für diese Partie. Wie eigentlich das gesamte singende Team. Allen voran Stephen Costello als Herzog von Mantua, der seinen ewigen Hit „La donna è mobile“ auf die Leichtfertigkeit von Frauenherzen erst unter einem Quartett aus strampelnden Sexpüppchen, später in der Hängematte auf dem Schädel von – wir ahnen es bereits – Rigoletto zum Allerbesten gibt.

Das Riesenteil gehört zu einer gigantischen Puppe, die sich drehen und wenden lässt, eine ungemein flexible rechte Hand besitzt und in der linken einen Ballon hält, in dem Gilda einmal lebendig und einmal dann leider doch tot gen Bodenseehimmel entschwebt. Der Kopf ist vierzehn Meter hoch, wiegt 35 Tonnen und ist wasserdicht, was ihm sehr zugutekommt, darf er doch im Laufe des Abends immer wieder mal halb im See versinken. Er wird außerdem zunehmend verletzt, zerstört, entkernt, die so vielfältig nach allen Seiten rollenden Augen schwimmen bald im Wasser, seine Nase wird kunstvoll galant abmontiert und dient dann recht uncharmant als Sessel, auch die eindrucksvollen Zähne fallen allmählich aus.

Das ist ein klares, einfaches, deutliches Sinnbild für den Verfall der Titelfigur, die es natürlich auch als echten Sänger gibt: Vladimir Stoyanov überzeugt hier vollauf, ebenso Mélissa Petit als Gilda, die neben virtuosen Gesangslinien auch noch phänomenalen Körpereinsatz (Turnen! Tanzen! Abseilen!) bietet.

Klammer und Bogen des Werks ist ja die tragische Geschichte um den Außenseiter Rigoletto, Hofnarr in Mantua, der seine Tochter Gilda vor allen Männern, besonders vor dem Mantua’schen Herzog schützen will, doch am Ende findet er Gilda tot in einem Sack. Eigentlich sollte der Herzog dran glauben, doch Sparafucile suchte sich sein Opfer selbsttätig aus ...

Was bei Verdi oft als sehr intimes, kammerspielhaftes Seelendrama daherkommt, wird auf der großen Seebühne naturgemäß zur großen Show, das ist ein Einwand. Der zweite bezieht sich auf die Grundentscheidung, alles in einen Zirkus zu (ver-)packen (Kostüme Kathi Maurer). Dadurch nivellieren sich die fürs Stück so zentralen Standesunterschiede.

Dennoch: Regisseur Philipp Stölzl (der mit Heike Vollmer auch die Bühne gestaltete) ist virtuoses, in jedem Moment erregendes Überwältigungstheater gelungen, mit tollen Effekten, starken Bildern – auch dank der formidablen Truppe Wired Aerial Theatre, die diverse Stunts und gefährliche Kunststücke umsetzt. Enrique Mazzola setzt am Pult der Wiener Symphoniker auf drängende Tempi und impulsive Rhythmik, gut auch der in Bregenz bewährte Philharmonische Chor aus Prag sowie der Festspielchor (Leitung Lukáš Vasilek und Benjamin Lack).

Wenn man so will, gibt es bei diesem „Rigoletto“ folgende Hierarchie: erst die Staunen machenden Schauwerte, dann das Hörvergnügen, erst danach das eigentliche Stück. Das ist ein deutlicher Kritikpunkt, klar. Doch man möchte einfach nicht auf diesen großartigen Theaterzauber verzichten! Demnächst das Ganze dann gern wieder andersherum, nicht nur in Bregenz.