Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 22.07.2019


Festspiele Erl

“Die Vögel“ in Erl: Es war erlebt, es bleibt

Die Tiroler Festspiele Erl präsentieren Walter Braunfels’ Oper „Die Vögel“ in einer szenisch poetischen, musikalisch maßstäblichen Interpretation.

Tina Lanik inszenierte „Die Vögel“ in einem für verschiedenste Bezüge offenen Bühnenraum mit ausgefeiltem Lichtdesign. Das Premierenpublikum war begeistert.

© Xiomara Bender/Tiroler FestspielTina Lanik inszenierte „Die Vögel“ in einem für verschiedenste Bezüge offenen Bühnenraum mit ausgefeiltem Lichtdesign. Das Premierenpublikum war begeistert.



Von Ursula Strohal

Erl – „Ich verlange von meinen Hörern eines: sich völlig dem luftigen Phantasiespiel hinzugeben und sich bewusst zu bleiben, dass alles hier ein Spiel, ein Gleichnis ist.“ Gelöstes Vergnügen verspricht der deutsche Komponist Walter Braunfels dem Publikum seiner Oper „Die Vögel“, aber der Gleichnis-Hinweis ist nicht zu übersehen.

Zwei Menschen verlassen die Erde, um im Reich der Vögel ein besseres Leben zu führen. Hoffegut erfährt durch die betörende Nachtigall, wie herrlich das Dasein sein könnte, Ratefreund spielt sich als Machthaber und Kriegstreiber gegen die Götter auf. Die Vögel sollen durch einen Festungsbau am Himmel die Götter bezwingen. Der zürnende Zeus zerstört die Stadt, die Vögel anerkennen seine Unbezwingbarkeit, die Menschen ziehen ab. Ratefreund zu seinem warmen Ofen, Hoffegut in seine Erinnerung: „Es war erlebt, drum ist’s, wenn es auch war.“

Walter Braunfels (1882–1954) wählte 1913 die Komödie „Die Vögel“ des Aristophanes, um sich selbst daraus ein Libretto zu schmieden. Sechs Jahre später war die Oper fertig, dazwischen lagen traumatische Kriegserlebnisse. 1920 werden „Die Vögel“ mit durchschlagendem Erfolg in München uraufgeführt. Braunfels gehört nun zu den bekanntesten Opernkomponisten seiner Zeit. Da will ihn Hitler als Hymnen-Komponist. Braunfels lehnt ab. Während der Nazizeit darf der „Halbjude“ weder lehren noch aufgeführt werden. Nach dem Krieg werden seine Kompositionen von neuen Strömungen verdrängt.

1996 erregt die erste CD-Einspielung der „Vögel“ unter Lothar Zagroseks Leitung Aufsehen. Eine spätromantische Musik, bis zum Untergang voll heller Farbe, Charme, Humor, Virtuosität und Sehnsucht, im nächtlichen Liebesduett zwischen Nachtigall und Hoffegut von einhüllender Melancholie, der adäquaten „Tristan“-Musik nahe. Sensationell, dass für die gegenwärtige Aufführung der Oper bei den Tiroler Festspielen Erl Lothar Zagrosek ans Pult geholt werden konnte. Das erfahrene Festspielorchester gibt ihm, mit kleinen Live-Einsprengseln, was es kann, scheint Zagroseks Könnerschaft zu genießen. Über die Wagner-, Strauss- und überhaupt die Zeitbezüge hinaus macht Zagrosek in dieser transparent atmenden, maßstäblichen Interpretation von Braunfels Eigenes hörbar.

Tina Lanik inszenierte, offen für Bezüge, ohne sich auf Mythisches (um die Textanspielung auf König Tereus), Märchenhaftes, Militärisches, Biografisches festzulegen. So wird bis zum fulminanten Untergangsszenario die Fantasie des Zuhörenden und Zuschauenden poetisch beflügelt wie jene des Hoffegut. Die nie belehrende Bildersprache gibt in dieser Fabel von der Antike bis heute geisternde Aspekte und Metaphern frei, von der Kraft der Phantasie, der Rolle der Kunst in fanatisierter Zeit bis zur Gefahr durch Hybris, Dreistigkeit, Verführung und Verführbarkeit.

In Stefan Hageneiers wandelbarem Bühnenraum, ausgefeiltem Lichtdesign (Norbert Chmel, Alexander Paget) und Heidi Hackls vogelfrei zeitloser Kostümierung agiert und singt ein vorzügliches Ensemble, an der Spitze die glitzernde Virtuosität der Nachtigall Bianca Tognocchi. Julian Orlishausen und Marlin Miller schattieren gekonnt die beiden Menschenmänner, Thomas Gazheli hat Kraft, Mahnung und Leidensdruck des Prometheus, James Roser ist die gespaltene Persönlichkeit des Wiedhopfs, Anastasiya Maryna tanzt, in weiteren Vogelrollen Attila Mokus, Sabina von Walther, Adam Horvath, Giorgio Valenta, Svetlana Kotina und Lauren Urquhart.