Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 27.07.2019


Bayreuth

Bayreuther Festspiele: Gartenzwerge oder Mäuse?

Regisseur Tobias Kratzer und Star-Dirigent Valery Gergiev mit Richard Wagners „Tannhäuser“ bei den Bayreuther Festspielen.

Stephen Gould als Tannhäuser und Lise Davidsen als Elisabeth in „Tannhäuser“.

© Festspiele BayreuthStephen Gould als Tannhäuser und Lise Davidsen als Elisabeth in „Tannhäuser“.



Von Jörn Florian Fuchs

Bayreuth – Die Dame hat eindeutig kein Problem mit ihrem beträchtlichen Gewicht. Auch trägt sie immer dasselbe Kostüm. Und doch macht sie auf dem Roten Teppich eine tolle Figur. Allein schon wegen der Größe und ihres immer freundlichen Lächelns. Die Rede ist von einer Maus, genauer von der Maus. Selbige Sendung mit ihr sorgt seit Jahrzehnten für Top-Einschaltquoten, wobei besonders jung gebliebene Erwachsene sich die eher undidaktischen Lehrstücke gerne ansehen. „Die Sendung mit der Maus“ kam heuer erstmals vom Grünen Hügel.

Was die tierische Dame vom Geschehen auf der Bühne hielt, konnten wir leider nicht in Erfahrung bringen. Möglicherweise fand sie die farbige Dragqueen Le Gateau Chocolat und den kleinwüchsigen Darsteller Manni Laudenbach, der mit einer (unhörbaren) Blechtrommel à la Oskar Matzerath umherwanderte, ganz lustig. Die beiden waren in der ersten Pause auch am und auf dem Festspielteich zu Fuße des Hügels zu erleben, er paddelte, die Queen sang Hits von Madonna bis Lady Gaga. Bewacht wurde dieses Freiluftintermezzo (bei 40 Grad im Schatten) von einer Horde Polizisten. Dazu gehörte auch eine pittoreske Reiterstaffel, Ex-Innenminister Herbert Kickl würde vor Neid erblassen.

Im Festspielhaus spielen sich unterdessen ebenfalls seltsame Dinge ab. Eine ziemlich verrückte Truppe rast in einem alten Minibus durch die Landschaft, sie kommt an einer alten Biogasanlage vorbei, die mangels Nachfrage außer Betrieb ist. Premierengäste meinten, es handele sich um ein Statement gegen diese Art von Energiegewinnung, tatsächlich spielt Regisseur Tobias Kratzer aber auf Sebastian Baumgartens Bayreuther „Tannhäuser“ an, der in solch einer Anlage spielte und bei Publikum wie Presse durchfiel.

Kratzers Arbeit ist reich an Referenzen, bildästhetisch wird etwa Frank Castorf zitiert, am Bus findet sich ein Schlingensief-Hase. Kratzer und sein Team tauchen selbst auch auf, als Statisten am Rande des Festspielparks, der sich samt Festspielhaus auf der Bühne wiederfindet. Denn Meistersänger Tannhäuser will eigentlich nur ein biederer Festspielmensch sein, ihm gefällt jedoch auch die kesse, blonde, völlig verrückte Venus (brillant Elena Zhdikova), die ihn mitsamt der Dragqueen und dem Trommler auf Reisen mitnimmt. Dass dabei ein Polizist umgenietet wird, stört die Stimmung nur kurz.

Im ersten Aufzug gibt es einen Märchenwald mit Gartenzwergen, im zweiten Aufzug blickt man in eine hohe, biedere Halle, in der das Geschehen beinahe by the book abläuft, nur dass oben drüber ein Live-Videostream aus der Hinterbühne abläuft, dort streifen Oskar und Herr/Frau Chocolat herum, bis ein Katharina-Wagner-Double die Polizei ruft und letztere dann – reichlich träge – für Ordnung sorgt.

Aufzug Nummer drei bietet vorwiegend Stillstand hinsichtlich der Gesamtenergie und der Ideen. Kratzer, sonst ein fulminanter Stücke-Verdichter und Weiterdenker, bleibt in diesem Fall einiges schuldig. Die langweilige Elisabeth (zunächst angestrengt, später grundsolide: Lise Davidsen) meuchelt sich am Ende selber. Vorher hatte sie Sex mit dem im Clownsgewand auftretenden Wolfram von Eschenbach, Konkurrent Tannhäusers. Davor kam Tannhäuser (ausdauernd-dynamisch Stephen Gould) selbst als Clown daher. Bildet sich die Dame alles nur ein, hat Wolfram das Kostüm gestohlen? Es bleiben diverse Fragen offen, in den kommenden Jahren hat die Werkstatt Bayreuth viel zu tun.

Auch musikalisch ist reichlich Luft nach oben. Valery Gergiev dirigiert den ersten Aufzug zurückhaltend fein, recht italienisch, mit ein paar Wacklern. Leider stellt sich hernach ein orchestrales Decrescendo ein, die Koordinationsschwierigkeiten nehmen zu, auch die Chöre (Einstudierung Eberhard Friedrich) klingen oft zu wenig strahlend und sind durchwegs zu leise. Markus Eiche ist ein toller Wolfram, stark auch Kay Stiefermann (Biterolf) und Wilhelm Schwinghammer (Reinmar von Zweter). Aus dem Graben hört man öfters ein Zischen und Keuchen. War das eine weitere Gebläsedüse (Thielemann ließ einst eine extra für sich installieren)? Nein, es war Maestro Gergiev, der offenbar meinte, mit solchen Spontanlauten ließe sich etwas retten. Leider weit gefehlt!