Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 30.07.2019


Salzburger Festspiele

Antreten zur Gehirnwäsche

Taugt Horváths „Jugend ohne Gott“ für die Bühne? Können acht Schauspieler fast 50 Rollen übernehmen, ohne ein Chaos zu hinterlassen? Nach der Premiere bei den Salzburger Festspielen ist die Antwort zweimal: Ja.

Schüler N ist erschlagen worden. Der Lehrer (Jörg Hartmann, 2. von links) verdächtigt Schüler T (Moritz Gottwald, im blauen Mantel). Schüler B (Bernardo Arias Porras, ganz links) liefert einen wichtigen Hinweis.

© Arno DeclairSchüler N ist erschlagen worden. Der Lehrer (Jörg Hartmann, 2. von links) verdächtigt Schüler T (Moritz Gottwald, im blauen Mantel). Schüler B (Bernardo Arias Porras, ganz links) liefert einen wichtigen Hinweis.



Von Markus Schramek

Salzburg – Der Beginn verstört. Schauspieler Jörg Hartmann kommt auf die Bühne und stimmt bei Saallicht ein Loblied auf Adolf Hitler an. Minutenlang geht das so, bis Hartmann den Verfasser der Tyrannen-Eloge nennt: einen Briefschreiber anno 1935. Auf den Rängen des Salzburger Landestheaters vermeint man kollektives Aufatmen zu vernehmen: „Ach so, damals.“

Denn „damals“ wurden Millionen Menschen geblendet und verblendet vom Nazi-Diktator und seinen Vasallen. Im Roman „Jugend ohne Gott“ schildert Ödön von Horváth 1937 anhand einer Schulklasse die Mechanismen dieser Zeit. Totalitäres Treiben ist freilich auch heute eine Gefahr, mitten in Europa und trotz des politischen Schutzschildes namens EU.

Horváths Jungspunde der 30er-Jahre heißen B, L, N, T oder Z – anonymisiert, weil Teil einer Masse, die einer Gehirnwäsche unterzogen wird: das Deutschtum als Krone der Schöpfung. In einem paramilitärischen Zeltlager, quasi Paintball unter verschärften Bedingungen, erhält die Jugend den Drill für den nahenden Krieg. Wer Gewalt sät, erntet eine solche. Die Burschen verlieren jede Hemmung. Ein Tabubruch in Form eines heimlich gelesenen Tagebuchs führt zum Mord unter Mitschülern.

Dazwischen steht, dreht und wendet sich der Lehrer. Ihn kotzen Ideologie und menschliche Kälte an. „Afrikaner sind auch Menschen“, schreibt er den Schülern ins Stammbuch. Das reicht für deren Feindschaft und eine Vorladung zum Direktor. Immerhin hat der Lehrer das Rückgrat zu gestehen, dass er der heimliche Tagebuch-Leser ist. Somit erspart er Schüler Z. und dessen Freundin Eva eine Verurteilung wegen Mordes an Mitschüler N. Seinen Job kann sich der Pädagoge allerdings abschminken.

„Jugend ohne Gott“ ist ein leidlich spannender Krimi, vor allem aber ein düsterer Stimmungsbericht der Zeit vor dem 2. Weltkrieg. Als Theaterstück war das Werk nicht gedacht. Ein Ensemble der Schaubühne Berlin hat sich trotzdem drübergetraut.

Glücklicherweise. Denn bei der Premiere von „Jugend ohne Gott“ am Sonntag im Rahmen der Salzburger Festspiele kredenzten die Gäste ein Theaterstück jenseits des Alltäglichen: ansprechend, einnehmend, nicht mehr loslassend. Schwere Kost zwar, doch als Wohlfühlprogramm ist dieser Stoff denkbar ungeeignet.

Zu acht stemmen die Akteure fast 50 Rollen. Da heißt es mit anpacken. Kostümwechsel erfolgen im Vorbeigehen, man hilft einander ins Outfit für die nächste Szene. Daneben bleiben Hände frei, um Requisiten zu platzieren. Einziger Fixpunkt der Bühne (dessen Gestalter treffenderweise Jan Pappelbaum heißt) ist ein karges Wäldchen im Hintergrund, in dem man trefflich untertauchen kann.

Eine Live-Kamera wird von den Darstellern selbst bedient. Vermeintlich Verborgenes machen sie auf diese Weise sichtbar. Zwei Mikros am Bühnenrand werden von den Sprechern genützt, um Gedanken zu transportieren.

Regisseur Thomas Ostermeier, Langzeitchef der Schaubühne Berlin, hält sich weitgehend und respektvoll an die Textvorlage. Horváths Büchl vor dem Theaterbesuch gelesen zu haben, erweist sich als Vorteil. Als Zuseher ist man bei den vielen Rollenwechseln gehörig gefordert.

Die acht auf der Bühne zeigen sich als blendendes Kollektiv. Das schließt Jörg Hartmann mit ein, der es als Dortmunder „Tatort“-Kommissar zu einiger TV-Prominenz gebracht hat. Seine Rolle als Lehrer legt Hartmann grüblerisch an, mit deutlichen Zeichen von Frustration. Letztlich verhilft aber er der Wahrheit zum Durchbruch.

Alina Stiegler fegt als Eva durch den Bühnenwald und verdreht dem Schüler Z (fast zu brav: Laurenz Laufenberg) den Kopf. Eva ist eine Verliererin, die nichts mehr zu verlieren hat. Komische Momente, ein Intermezzo in einer beklemmenden Grundstimmung, steuert Bernardo Arias Porras bei. Als durchgeknallter Ex-Lehrer mit Codenamen „Julius Caesar“ verbreitet er krude Sexualtheorien.

Moritz Gottwald als Schüle­r T, genannt der Fisch, glotzt mit weit aufgerissenen Augen in die Welt. Er ist schwer greifbar, wie das glitschige Tier, dem er ähnelt. Doch es gibt kein Entkommen: T wird als Mörder enttarnt.

Ein atemberaubender Theaterabend endet mit langem Applaus und Bravorufen.