Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 20.08.2019


Festspiele

Unbewegliche Idyllengülle: “Die Empörten“ bei Salzburger Festspielen

Wenn der Sprache auf der Bühne die Kraft ausgeht: Theresia Walsers „Die Empörten“ enttäuscht als letzte Schauspielpremiere der Salzburger Festspiele 2019.

Soll das Kreuz nun hängen oder nicht? Das Mythenthema wurde bei „Die Empörten“ in die Gegenwart zu übersetzen versucht.

© Salzburger Festspiele/WalzSoll das Kreuz nun hängen oder nicht? Das Mythenthema wurde bei „Die Empörten“ in die Gegenwart zu übersetzen versucht.



Von Barbara Unterthurner

Innsbruck – Es geht um Europa. Und für eine Bürgermeisterin um die größere Sache – einen Sitz in Brüssel. Dafür müsse man auch mal was verschwinden lassen. Im Falle von Bürgermeisterin Schaad: eine Leiche. Diesen Plot kennt man als Boulevardkomödie, in „Die Empörten“ wird er zum bizarren Kammerspiel rund um eine gegenwärtige Empörungsgesellschaft. Die „düstere Komödie“ kam am Sonntag im Salzburger Landestheater als einzige Schauspiel-Uraufführung der diesjährigen Festspiele zur Premiere.

Die Koproduktion mit dem Staatstheater Stuttgart stammt aus der Feder von Theresia Walser und ist das 20. Stück der Tochter von Schriftsteller Martin Walser. Als Schauspielerin begonnen, hat sie sich kontinuierlich „von der Bühne heruntergeschrieben“, sagt Walser von sich selbst. Auch, weil es nicht genügend gute weibliche Rollen gab, die sie habe spielen wollen.

Kein Wunder also, dass „Die Empörten“ zwei Frauenfiguren einander gegenüberstellt: Bürgermeisterin Corinna Schaad (Caroline Peters), eine liberale Karrieregeile („Ich halte Erdbebenspalten zusammen“) und die Alt-Linke Elsa Lerchenberg (Silke Bodenbender), die sich jetzt im Rechtspopulismus eingerichtet hat, um von dort aus gegen „Mutterbodenpenetrierer“ oder „Unheimische“ zu wettern. Flankiert werden die beiden vom meinungsflexiblen Assistenten Pilgrim (André Jung) und Lebenskünstler Anton (Sven Prietz).

Als solcher steht Anton in Opposition zu seiner selbst­optimierten Schwester, der Bürgermeisterin. Dennoch ist sie auf seine Hilfe angewiesen: Gemeinsam müssen sie ihren toten Halbbruder wegschaffen, einen Pizzaboten, der bei einem „Unglück“ („Amok?“, „Attentat?“, „Schiefgegangener Selbstmord?“) mit seinem Fahrzeug in eine Fußgängerzone raste. „Allahu Akbar“ soll der Täter dabei gerufen haben. Der empörte Mob (insbesondere die Riege der Pizzaboten) schreit nach dem Täter-Namen, den die Bürgermeisterin im Dauerwahlkampf lieber geheimhalten würde.

Ihr einziger Ausweg: Die Leiche muss weg. Am besten in die 500 Jahre alte Rathaus-Truhe, von der man munkelt, sie habe schon Luther, Hitler und Stalin Schutz geboten.

Eine Schnapsidee ohne Ausweg, die Walser hier für Salzburg entwickelte; eine Story, die als intensives Textgewitter mit allerlei bissigen Kommentaren brisanten Lesestoff bereithält – auf der Bühne aber kaum funkeln will. Die Inszenierung von Burkhard C. Kosminski ist nicht stimmig: Das Panorama-Kaleidoskop (Bühne: Florian Etti) verortet das Geschehen in ländlichen Gebieten (Berge mit Herden von Tauben wandern durchs Blickfeld) – und das, obwohl die Kleinstadt Irbertsheim heute ordentlich an der hauseigenen Industrie (Stichwort: Titanhüften) verdient. Die Figuren werden im holzvertäfelten Vordergrund versammelt und entkommen diesem nicht mehr.

Für die Schauspieler gab es Applaus. Durchaus zu Recht. André Jung bezaubert als duckmäuserischer Diener, das „Lichtschrankengespenst“ – einen Menschen, den selbst Lichtschranken nicht als solchen erkennen – nimmt man ihm jederzeit ab. Auch Nestroy-Preisträgerin Caroline Peters überzeugt. Inszenierung und Text wurden mit vereinzelten Buhrufen quittiert. Die Statik der Bühne ließ kaum Situationskomik zu und auch die scharfzüngigen Neologismen Walsers (von „Hotelteppichzellen“ bis hin zu „Idyllengülle“) verpufften in szenischer Biederkeit.

Noch während der Proben hat Walser der Bürgermeisterin einen – unnötigen – Schlussmonolog zugedacht, der erklären soll, was keiner Erklärung bedarf: „Jeder hat Leichen im Keller.“ So viel Offensichtlichkeit arbeitet gegen den Text, dessen Stärke das (Sprach-)Spiel mit Empörungsmechaniken ist. Anfang 2020 wandert die Produktion nach Stuttgart. Zeit, das in Salzburg Angerissene auszuarbeiten, gäbe es also noch.