Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 22.08.2019


Forum Alpbach

Persönliche Begegnungen gegen die Angst

Den Geschichten ihren Platz geben: Ruth Beckermann lud gestern zu den zweiten Kultur-Begegnungen beim Forum Alpbach.

Elfie Semotan (rechts) eröffnete die von Ruth Beckermann (rechts) geleiteten Kultur-Begegnungen.

© UnterthurnerElfie Semotan (rechts) eröffnete die von Ruth Beckermann (rechts) geleiteten Kultur-Begegnungen.



Alpbach – Sie wollte Künstler kennen lernen, die Grenzen überschreiten, eine Angst überwinden mussten. Mit dem Mutmacher-Motto „Keine Angst!“ setzte Regisseurin Ruth Beckermann die diesjährigen Kultur-Begegnungen im Rahmen des Forums Alpbach fort, die 2018 starteten. Begegnungen gäbe es in Alpbach an sich ja genug, betonte Forums-Vizepräsident Caspar Einem zu Beginn der Gesprächsreihe, viele böten jedoch allzu technokratischen Gesprächsstoff. Künstler würden kaum den Weg nach Alpach finden. Deshalb werden sie nun direkt angesprochen: Als Gastgeber für einen Tag dürfen sie sich Kolleginnen und Kollegen ihrer Wahl einladen. Martin Kušej, Burgtheater-Direktor in spe, machte den Anfang, Ruth Beckermann folgte.

Und auch die Regisseurin, die für ihr dokumentarisches Essay „Waldheims Walzer“ zuletzt unter anderem mit dem Österreichischen Filmpreis ausgezeichnet wurde, sah die Begegnungen als locker laufbaren Gesprächsmarathon: fünf Kunstschaffende in gut zehn Stunden. Damit dem Pub­likum die Puste nicht schon am Vormittag ausging, choreographierte Beckermann den Tag auch räumlich durch: Das Plenum folgt mit seinen Stühlen dem jeweiligen Gast zu drei verschiedenen Bühnen – und damit auch zu den Arbeiten der Geladenen.

So etwa bei Fotografie-Größe Elfie Semotan, die mit dem Thema Schönheit den zugänglichen Einstieg für die Gespräche liefert. Der Zuhörer lernt die Fotografin zunächst über ihre Arbeiten kennen, die derzeit an mehreren Orten im Forum ausgestellt sind. An der Wand des Erwin-Schrödinger-Saals hängt ihre Serie „Bad Seeds“, die Semotan als Anschauungsmaterial für ihre Definition von Schönheit dient: „Ich war stets mehr am Menschen als an der Schönheit interessiert“, reflektiert die 78-Jährige ihre Arbeit.

Experimentell, aber auch politisch brisanter wird es, als Beckermann zu Avi Mograbi und seinem Film „Z32“ (2008) wechselt. Ein israelischer Soldat spricht dort über seine blutige Arbeit im von den Israelis besetzten Gebiet – die Diskussion über Schuld und die Freiheit der Kunst ist eröffnet. Ähnlich Dringliches wird auch mit der jüngsten Stimme des Tages verhandelt: Der 32-jährige Autor Max Czollek zeichnete schon in seinem Essay „Desintegriert euch!“ (2018) neue Wege des Zusammenlebens nach.

Aber nicht nur den großen gesellschaftspolitischen Themen, sondern vor allem den persönlichen Geschichten lässt Beckermann Platz. Und ganz bewusst gibt die Filmemacherin deshalb mehrmals die Regie ab: Komponist Georg Friedrich Haas lässt am Nachmittag Musik und Diskussion zusammenfließen. Vier Geigen und drei Cellos begleiten Haas’ ergreifende Aufarbeitung seiner Familiengeschichte – er sprach bereits 2017 in seiner Festrede zum „50. steirischen herbst“ über die Verstrickung seiner Großeltern in den Nationalsozialismus – ebenso wie sein Bekenntnis zu seiner sadomasochistischen Beziehung (porträtiert wurde diese bereits im Film „The Artist & The Pervert“, 2017).

Darin war auch die nächste Gesprächspartnerin Beckermanns, BDSM-Aktivistin und Autorin Mollena Williams-Haas zu sehen, die auf unterhaltsame Weise sexuelle Tabus und vermeintlich klassische Rollenbilder demontierte. Und am Schluss des Tages ist man sich nicht nur wegen Williams-Haas sicher: Da ist Beckermann ein äußerst reizvoller Mix aus Gesprächsteilnehmern gelungen. (bunt)