Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 30.08.2019


Salzburger Festspiele

Rückblick auf Salzburger Festspiele: Wiedergänger im Hort des Neuen

Farbräusche, Glanzstücke und ein paar Wünsche, die offen blieben: der Rückblick auf einen soliden Salzburger Festspielsommer.

„Oedipe“ (oben) überzeugte. „Simon Boccanegra“ fiel durch.

© Rittershaus„Oedipe“ (oben) überzeugte. „Simon Boccanegra“ fiel durch.



Von Jörn Florian Fuchs

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Salzburg – Hoch und heiß ging es her diesen Festspielsommer an der Salzach. Debatten um den Auftritt des berühmt-berüchtigten Tenor-Baritons (oder umgekehrt) Plácido Domingo, die umbuhte Absage Anna Netrebkos, all das beschäftigte und bewegte Publikum und Adabeis.

Auch in künstlerischen Fragen gab es – durchaus konstruktiven – Streit unter den Festspielgästen, war nun Mozarts „Idomeneo“ in der allumarmenden Sicht von Peter Sellars und Teodor Currentzis Kitsch oder feines Musiktheater mit utopischem (Rest-)Leuchten? Tatsächlich dirigierte Currentzis das Freiburger Barockorchester fulminant akzentuiert, ohne Sperenzchen oder Eitelkeiten, wie man es sonst gelegentlich bei ihm erlebt. Und Sellars traf mit seiner radikalen Kritik an der Vermüllung unserer Welt ins Schwarze.

 „Simon Boccanegra“ fiel durch.
„Simon Boccanegra“ fiel durch.
- Walz

Größtmöglicher Kontrast dazu war Andreas Kriegenburgs bieder-dilettantische Inszenierung von Verdis „Simon Boccanegra“: eine völlig belanglose Verheutigung mit Handys, Tablets sowie grenzwertiger Nicht-Personenführung, immerhin jedoch mit einem gut disponierten Valery Gergiev am Pult der Wiener Philharmoniker.

Heutig, nicht nur als Behauptung, wurde Cherubinis „Médée“ in der Sicht von Simon Stone, wobei die Verlagerung des Stoffs ins Salzburg des Hier und Jetzt nicht aufging, weil der Wille zur Aktualisierung zu sehr im Vordergrund stand und den Mythos überlagerte. Zudem stand mit Thomas Hengelbrock ein überforderter Dirigent im Graben, die Wiener Philharmoniker folgten ihm hörbar unwillig.

Als uneingeschränkt erfolgreich erwiesen sich hingegen Händels „Alcina“ mit Cecilia Bartoli – eine Übernahme von den Pfingstfestspielen – und Richard Straussens „Salome“ mit Asmik Grigorian – ein Gesamtkunstwerk. Die Produktion hatte letztes Jahr Premiere und auch heuer erwies sich die teilweise zugemauerte Felsenreitschule als Hort des Neuen, Ungewohnten, Ergreifenden.

Gesamtkunstwerker Achim Freyer inszenierte dort nämlich George Enescus „Oedipe“ als sinnliches Spektakel mit Masken, Ritualen, Farbräuschen – Ingo Metzmacher lieferte aus dem Graben dazu Kunstvolles, Erregendes, die Wiener Philharmoniker musizierten auf der Sesselkante, Christopher Maltman in der Titelpartie führte ein durchgängig erstklassiges Ensemble an.

Der immer gern gebuchte Barrie Kosky zeichnete mit Offenbachs „Orpheus in der Unterwelt“ für den leichteren Beitrag zum Thema Mythos verantwortlich. Herausgekommen ist eine schrille Revue mit toller Choreographie (Otto Pichler), leider kalter Ästhetik samt Glitzerpimmeln, sehr launigem, jedoch unfranzösischem Gesamtklang (Enrique Mazzola mit den Wiener Philharmonikern).

Alles in allem blieben 2019 also ein paar Wünsche offen. 2020 ist eine Festspieljubelsaison, die Festspiele werden 100. Fix gebucht sind etwa Anna Netrebko für „Tosca“, Mariss Jansons als Dirigent von „Boris Godunov“ sowie ein Spitzenteam für eine neue „Elektra“. Freunden neuerer Töne verspricht Luigi Nonos „Intolleranza“ ein Hörabenteuer.