Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 15.10.2019


Bühne

Zwei Suffköpfe auf Selbstfindungstrip

„Die Affäre Rue de Lourcine“ mit Christian Strasser und Gerhard Kasal ist bis 27. Oktober im Stadtheater Bozen zu sehen.

© Kuen Belasi„Die Affäre Rue de Lourcine“ mit Christian Strasser und Gerhard Kasal ist bis 27. Oktober im Stadtheater Bozen zu sehen.



Bozen – Eine b’soffene Gschicht’, die vertuscht werden will. Und beim Versuch des Vertuschens erst richtig eskaliert. Ein Missverständnis, das unmissverständlich klarmacht, dass hinter gutbürgerlichen Fassaden Abgründe lauern. Eugène Labiches „Die Affäre Rue de Lourcine“ ist ein Lustspiel. Und eine Untersuchung des schönen Scheins. Letzteres mag Elfriede Jelinek einst dazu bewogen haben, die Posse von 1857 ins Deutsche zu übertragen. Der Inhalt ist schnell erzählt: Zwei Männer erwachen nach durchzechter Nacht – und befürchten, Unsagbares verbrochen zu haben.

Für die Vereinigten Bühnen Bozen hat sich Thomas Gratzer, Chef des Wiener Rabenhof-Theaters, des Stoffes angenommen – und ihn als konsequent übersteuerte Farce inszeniert, in bunten Farben, grellem (Neon-)Licht, mit großen Gesten, fettem Sound und wilden Würgmomenten. Bisweilen fühlt man sich in einer dieser hysterischen Louis-de-Funès-Komödien: Nein, doch, oh!

Zwischen den Pointen – nicht jede zündet – nimmt sich Gratzer Zeit und schafft in Michaela Mandels knallig-opulentem Bühnenbild – diese Affentapete! – Raum für sein Ensemble, für verwegene Charakterstudien: Gerhard Kasal formt Schlaftrunkenheit zum Slapstick-Ballett aus. Und Christian Strasser, der zweite Suffkopf auf Selbstfindungstrip, steht ihm kaum nach, wenn er Vorverdautes wie edlen Cognac verkostet. Dazwischen: Andrea Haller, die mit sich überschlagender Stimme nach Fassung sucht, Marlis Untersteiner als hinterfotziges Zimmermädchen und Markus Weitschacher, der als Bittsteller von einem Akzent in den nächsten kracht. Sinn im herkömmlichen Sinn ergibt der Trubel nicht. Doch auch Nonsens will gefeiert werden. Mit kunstvoll verkitschten Ohrwürmern zum Beispiel. Die hat Oliver Welter – Frontman der Band Naked Lunch – mit in die Rue de Lourcine gebracht. Auch Welters Score übersteuert. Wenn schon, denn schon. Wenn schon, dann so. (jole)

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