Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 19.10.2019


Bühne

Gottessohn, Teufel und ein eingedampfter Roman

„Meister und Margarita“ als Premiere am Akademietheater.

Der schräge Satan trägt Clownnase: Neo-Burgschauspieler Norman Hacker tritt mit großer Verve den Teufelsbeweis an.

© HornDer schräge Satan trägt Clownnase: Neo-Burgschauspieler Norman Hacker tritt mit großer Verve den Teufelsbeweis an.



Von Bernadette Lietzow

Wien – Der Roman, dessen Publikationsgeschichte und das Leben des Autors: Michail Bulgakows in seinem Todesjahr 1940 vollendetes Werk „Der Meister und Margarita“ ist gleichsam Sinnbild der stalinistischen Epoche und das über Jahrzehnte unter der Hand und unter Gefahr verbreitete russische Herzensbuch. In der phantastisch-bösen Satire stellt Bulgakow die menschliche Feigheit an den Pranger.

Mit Woland, dem Professor für Schwarze Magie, erscheint in der Karwoche der Satan mit Gefolge in Moskau und bringt mit Lust und Höllenball das vorhandene Gleichgewicht des real existierenden Schreckens gehörig in Schieflage.

Gottesglaube als Opium oder notwendige Fiktion? Diese Frage verflicht Bul­gakow in anarchistischer Manier mit dem Tribunal des Pontius Pilatus über Jesus (hier Jeschua) und mit dem Parallelerzählstrang der immensen Liebe zwischen, ja, dem Meister und Margarita. Zwischen dem Schriftsteller, dessen Pilatus-Roman ihm die Einweisung in eine Irrenanstalt einbrachte, und der Frau, die sich als Welten-Retterin mit dem Teufel einlässt und dafür ihr Leben verliert.

Am Akademietheater zeichnen die estnischen Künstler Ene-Liis Semper und Tiit Ojasoo verantwortlich für Regie, Bühne, Kostüm wie Video und damit für eine Bulgakow-Adaption, deren grundsätzlich großartiges Konzept sich im Lauf des dreieinhalbstündigen Abends in gefühlloser Beliebigkeit auflöst.

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Die erste Hälfte ist berückend: Büros mit Hinterland zu ebener Erde, Videowand im 1. Stock, auf die eine ultra-präzise Live-Kamera (Mariano Margarit, Lenard Fuchs) Wolands Aufeinandertreffen mit den Apparatschiks (Mehmet Atesçi, Johannes Zirner, Hanna Binder) überträgt. Norman Hacker ist dieser Teufel von der herrlichst schmierigen Gestalt, aalglatt, gerissen und nicht zuletzt unendlich lustig in der in jeder Hinsicht triefenden Verachtung für diese macht- und geldgierigen Menschenkinder.

Dazwischen feudelt Jeshua als blutüberströmte Putzkraft mit Dornenkrone in Gestalt von Tim Wehrts, der zudem mit einer irren Slapstick-Tanzeinlage für eine der gelungensten Szenen nach der Pause sorgt.

Freude bereiten auch Phi­lipp Hauß’ zaudernder Pilatus und Marcel Heuperman als lenkbarer Dichter Unbehaust. Chancenlos, weil offensichtlich von der Regie vernachlässigt, sind da die Liebenden. Mit Rainer Galke (Meister) und Annamáría Láng (Margarita) grundsätzlich hervorragend besetzt, entsteht hier keine glaubhafte Nähe. Über das Höllenball-Video möchte man den Mantel des Schweigens breiten.

Eine Premiere der gemischten Gefühle.