Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 21.10.2019


Innsbruck

„Dis.Crimi.Nation“ im Freien Theater Brux: Abstrampeln unter dem Todesstern

Im Freien Theater Brux erlaubt das Stück „Dis.Crimi.Nation“ Ausbruchsversuche aus der Gleichmacherei des Alltags.

Selbstoptimierung bis zur Selbstaufgabe: die Schauspielerinnen Tamara Burghart und Nevena Lukic in „Dis.Crimi.Nation“.<span class="TT11_Fotohinweis">Foto: Robert Puteanu</span>

© Selbstoptimierung bis zur Selbstaufgabe: die Schauspielerinnen Tamara Burghart und Nevena Lukic in „Dis.Crimi.Nation“.Foto: Robert Puteanu



Innsbruck – In Sonntagsreden wird gern die Vielfalt beschworen. An Werktagen werden Ausreißer nur allzu gerne gleichgemacht: im Großen, in den oft beschworenen gesamtgesellschaftlichen Zusammenhängen, genauso wie im Kleinen, im privaten Miteinander, das schnell zum Gegeneinander wird. Verletzungen werden dabei in Kauf genommen. Sogar eingefordert: Die Welt ist Wettkampf. Wer sich nicht verletzen lässt, wer das nicht aushält, hat schon verloren.

Das Stück „Dis.Crimi.Nation“ – die Produktion der Gruppen Ton/Not und Soliarts läuft seit Samstag im Innsbrucker Brux – geht diesem Thema nach. Ohne erhobenen Zeigefinger. Situationen werden an- und durchgespielt: Vom übergriffigen – nun ja – „Flirtversuch“ über selbstgefälliges Besserwissen und den Zwang zur Selbstoptimierung, der ein Mindestmaß an Selbstaufgabe bedeutet, bis zur ungerechten Machtverteilung in den Sphären der Gewinnmaximierung.

Die Schauspielerinnen Tamara Burghart und Nevena Lukic wechseln dabei als Stellvertreter in verschiedenen Versuchsanordnungen immer wieder die Rollen. Ihr Spiel ist nuancenreich, leicht karikierend, aber nie plump bloßstellend.

Das Regieteam um Eva Kuen findet schöne Bilder fürs tägliche Sich-Abstrampeln: Rampen werden erklommen, Schattengefechte gekämpft. Der Clou von „Dis.Crimi.Nation“ aber ist das Bühnenbild: Ein riesiger Ballon wird vom Planeten zum alles überwachenden Auge, zum Todes­stern aus der „Star Wars“-Saga. Vor allem aber wird er zur Gegenwelt, in der via Video dem gängigen Abkanzeln Kontra gegeben wird: Hier wird Gedachtes ungeschönt gesagt. Das sorgt für Befreiung – und macht „Dis.Crimi.Nation“ zur befreienden Erfahrung. Schon allein dafür würde der Theaterbesuch lohnen. (jole)