Letztes Update am Di, 22.10.2019 06:48

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


TT-Interview

Regisseurin Nora Schlocker: Eine Karriere in der Ferne

Nora Schlocker zog es nach der Matura aus dem heimatlichen Innsbruck hinaus in die Theaterwelt. Mit 36 ist sie gefragte Regisseurin und am Neustart des Münchner Residenztheaters maßgeblich beteiligt.

Nora Schlocker, 36, lebt ihr halbes Leben lang in Berlin. Die Arbeit in München fühle sich „fast wie ein Zurückkehren“ nach Tirol an.

© ResidenztheaterNora Schlocker, 36, lebt ihr halbes Leben lang in Berlin. Die Arbeit in München fühle sich „fast wie ein Zurückkehren“ nach Tirol an.



Von Markus Schramek

München, Innsbruck – Am Münchner Residenztheater, vulgo „Resi“, sind neue Zeiten angebrochen. Andreas Beck, der den ans Burgtheater abgewanderten Martin Kušej als Intendanten abgelöst hat, startete per Uraufführung in seine erste Spielzeit 2019

20. Österreich war dabei doppelt vertreten: Vom Linzer Dramatiker Ewald Palmetshofer stammt das uraufgeführte Stück „Die Verlorenen“. Die gebürtige Innsbruckerin Nora Schlocker führte Regie.

„Die Verlorenen“ behandelt zwischenmenschliche Brüche, die sich nicht mehr kitten lassen. Geschwister, die kein Wort mehr wechseln. Ein Jugendlicher, hin- und hergerissen zwischen den geschiedenen Eltern. Eine Frau, dem Zusammenbruch nahe.

Zur Person

Nora Schlocker, geboren 1983, Tochter von TT-Kulturredakteurin Edith Schlocker, wuchs in Innsbruck auf. Nach der Matura am Akademischen Gymnasium studierte Nora Schlocker Regie in Berlin. Von 2008 bis 2011 war sie Hausregisseurin am Deutschen Nationaltheater Weimar, von 2011 bis 2014 am Düsseldorfer Schauspielhaus und seit 2015 am Theater Basel. Seit der Spielzeit 2019/20 ist die zweifache Mutter (Smilla, 2 Jahre, und Fanny, 6) Hausregisseurin am Residenztheater München.

Das Premierenpublikum war begeistert. Die örtliche Theaterkritik fand wohlwollende Worte. Von einem „Start, der Hoffnung macht“, schrieb die Süddeutsche Zeitung. Der Bayerische Rundfunk lobte Schlockers Inszenierung sowie die Leistung des Ensembles insgesamt. Beides mache „viel Lust auf mehr“.

Die TT hat Regisseurin Nora Schlocker telefonisch erreicht. Hier das Ergebnis:

Frau Schlocker, von wo aus haben Sie die Uraufführung von „Die Verlorenen“ am Residenztheater verfolgt, erste Reihe fußfrei?

Nora Schlocker: Oh nein, das wäre ganz unmöglich. Ich lebe während meiner Aufführungen regelrecht mit und spreche auch Textpassagen laut mit. Das würde andere Theaterbesucher stören. Ich habe mir die Aufführung von einer Video-Loge aus angesehen.

Es war die Eröffnung einer neuen Intendanz am Residenztheater. Wie groß war der Druck?

Schlocker: Im Vorfeld war schon großer Druck spürbar, zumal mit Andreas Beck als neuem Intendanten ein Neustart in München erfolgt. Andererseits sind Autor Ewald Palmetshofer und ich ein eingespieltes Team. Das hilft. Ich hatte vollstes Vertrauen in mein Ensemble, kenne viele der Schauspieler schon lange bzw. habe auch an der Zusammensetzung des aktuellen Ensembles in München mitgewirkt. Und das Publikum war toll!

Haben Sie die Theaterkritiken schon gelesen?

Schlocker: Ich lese sie schon, aber erst mit einigem zeitlichen Abstand. Nach einer Premiere bin ich dafür zu müde, zu dünnhäutig und zu verletzlich. Ich habe aber Nachrichten am Handy bekommen. Die Kritiken sind wohl gut ausgefallen. Das freut mich natürlich.

Ich nehme an, die Premierenfeier am Samstag hat etwas länger gedauert?

Schlocker: Ja, das hat sie. Doch am Sonntag bin ich zurück nach Berlin, wo ich wohne. Ich hatte meine kleinen Töchter, zwei und sechs Jahre alt, während der Endproben über 14 Tage nicht gesehen. Wir haben zuletzt in München bis zu 18 Stunden am Tag an „Die Verlorenen“ gearbeitet. Vor einer Premiere herrscht Ausnahmezustand. Jetzt bin ich froh, dass ich Zeit mit meiner Familie verbringen kann. Meine nächste Regie-Premiere am Residenztheater ist für Ende November angesetzt. Es ist „Vor Sonnenaufgang“, wieder ein Stück von Ewald Palmetshofer nach Motiven aus dem gleichnamigen Schauspiel Gerhart Hauptmanns.

Das Pendeln zwischen Ihrem Wohnort Berlin und den Dienstorten wie München oder Basel ist für Sie als zweifache Mutter sicher eine Herausforderung.

Schlocker: Es bedeutet für jede Frau bzw. jeden Mann, die oder der voll berufstätig sein will, einen Spagat, Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen. Mein Mann, der Architekt ist, unterstützt mich sehr. Wir versuchen tatsächlich ein 50/50-Modell. Meine Schwiegereltern in Berlin helfen uns viel, ebenso meine Eltern in Innsbruck, die öfter nach Berlin kommen.

Das Theater gilt gemeinhin immer noch als Metier, in dem die Männer das Sagen haben. Haben Sie das auch so erlebt?

Schlocker: Das hängt ganz vom Intendanten bzw. der Intendantin ab. Mit Andreas Beck habe ich schon am Theater Basel zusammengearbeitet. Unter ihm gab es keine machistischen Tendenzen wie vielleicht anderswo.

Sie haben schon 2011 im Münchner Residenztheater Regie geführt, zur Eröffnung der Intendanz von Martin Kušej, der nun das Wiener Burgtheater leitet. Es blieb damals bei dem einen Mal München. Warum?

Schlocker: Die Atmosphäre am Residenztheater entsprach damals nicht meinen Vorstellungen. Theatermachen ist ein kostbarer Vorgang, da muss die Chemie stimmen. Wir versuchen unter Andreas Beck Theater mit flachen Hierarchien, großem Glauben an moderne Dramatik und vor allem einem starken Spielerensemble im Zentrum. Da gibt es keine Stars und dann eine zweite und dritte Reihe an Spielern. Eher: einer für alle, und alle für einen.

Was ist Ihre Vorstellung vom Theater als Arbeitsort?

Schlocker: Ich begreife Theater als Teamwork, mit vielen Kontakten über das Berufliche hinaus. Ich arbeite intensiv mit den Schauspielern zusammen, überlege, welche Rollen als Nächstes für sie in Frage kommen, wie sie sich weiterentwickeln könnten. Ich bin mit den Häusern, an denen ich arbeite, eng verbunden. Ich hatte bisher auch immer Anstellungen als feste Hausregisseurin. Ich bin keine, die heute hier inszeniert und morgen dort. Ich arbeite gerne mit bewährten Kräften zusammen, wie mit Autor Palmetshofer oder mit Constanze Kargl, die mich seit dem Schauspielhaus Wien als Dramaturgin begleitet.

Ihr Vertrag als Hausregisseurin in München läuft für wie lange?

Schlocker: Zunächst ein Jahr. Daneben bin ich diese Saison noch am Theater Basel unter Vertrag. Danach ist der Vertrag in München neu zu verhandeln, ich mache mir keine Sorgen darüber.

Sie erheben den Anspruch, dass Theater auch politisch-gesellschaftlich etwas zu sagen haben soll. Wie erleben Sie München in dieser Hinsicht?

Schlocker: München ist eine Kulturstadt mit tollem Angebot und einem gut informierten, offenen Publikum. Mein Eindruck ist, dass man den Münchnern ruhig viel zutrauen kann und muss. Als gebürtiger Tirolerin fühlt sich mir die bayerische Mentalität vertraut an.

War Theaterregisseurin immer Ihr Berufsziel?

Schlocker: Ja. Nach der Matura, mit 18, verspürte ich einen gewissen Fluchtimpuls. Innsbruck war mir zu eng. Ich wollte hinaus in die Welt. Ich bewarb mich für ein Regiestudium an der „Ernst Busch“-Hochschule in Berlin und wurde unter vielen Bewerbungen ausgesucht.

Ganz ohne Vorbildung?

Schlocker: Mehr oder weniger. Und auch mit einem für Regisseure sehr jungen Alter. Inzwischen lebe ich seit 18 Jahren in Berlin. Das Thema „Heimat“ war für mich immer ein komplizierter und auch spannender Begriff, an dem ich mich gerieben habe. Mein Engagement in München fühlt sich nun fast wie ein „Zurückkehren“ an, Tirol ist nicht weit, und die Bayern sind den Österreichern doch recht verwandt. Nach 18 Jahren in der Ferne freue ich mich über diesen Neustart.