Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 28.10.2019


Bühne

Leben aus bissigem Humor, Sehnsucht, Zynismus

Sensationserfolg für Georg Kreislers „Heute Abend: Lola Blau“ mit Laura Schneiderhan in den Kammerspielen in Innsbruck.

Die stürmisch gefeierte Laura Schneiderhan in ihrer ungeliebten Rolle als Sexy-Lola in den USA.

© TLT/LarlDie stürmisch gefeierte Laura Schneiderhan in ihrer ungeliebten Rolle als Sexy-Lola in den USA.



Von Ursula Strohal

Innsbruck – Lola Blau ist in den USA ein Bühnenstar geworden, aber nach der Vorstellung wartet die Flasche. Über einem alten Foto ihrer Lebensliebe Leo weiß sie: „Ich habe zu vergessen vergessen.“ Als Leo sie nach dem Krieg anruft, kehrt sie nach Wien zurück.

„Heute Abend: Lola Blau“ hat das Tiroler Landestheater erreicht. Das vielgespielte Stück des Komponisten und Autors Georg Kreisler (1922–2011) über eine junge jüdische Sängerin und Tänzerin während der NS-Zeit bestätigt seit der Uraufführung 1971 in Wien mit jeder Aufführung seine beklemmende Aktualität.

Der grandiose Wortvirtuose Kreisler (den Hans Brenner vor vielen Jahren zu den Tiroler Volksschauspielen nach Telfs geholt hatte) lässt Lola Blau in kurzen Szenen und vielen seiner berühmt gewordenen Liedern ihre Karriere erzählen, wie er selbst sagt, „die Geschichte einer Ohnmacht. Lola steht dem Antisemitismus ebenso ratlos ohnmächtig gegenüber wie dem eigenen Judentum ... und zum Schluss ist sie wieder ohnmächtig gegen die österreichischen Ewig-Gestrigen.“ Viel ist von Kreisler selbst, dem als Teenager Emigrierten, in diesem Stück zu finden.

Die junge Lola packt 1938 in einem schäbigen Wiener Zimmer ihren Koffer, um am Linzer Landestheater ihr erstes Engagement anzutreten. Sie versteht nicht, warum Onkel Paul und ihr Liebster Österreich verlassen wollen, sie kümmert sich nicht um Politik. Der Anschluss Österreichs an Nazi-Deutschland verhindert Lolas Engagement. In der Schweiz wartet sie vergeblich auf Leo. Lola bringt sich als Nachtklubsängerin durch, bis sie in die USA einreisen darf. Dort wird sie, gegen ihre Absicht, als Sexstar berühmt. Alkohol und Tabletten sprechen vom Abstieg, aber Lola Blau verlässt nach Kriegsende die USA und kehrt desillusioniert nach Hause zurück. Fassungslos gegenüber den Verwüstungen Wiens und der unveränderten Haltung vieler Menschen, die nichts aus den vergangenen Jahren gelernt haben. Leo, der überlebte, kämpft weiter gegen Antisemitismus, Lola wählt das musikalische Kabarett, jene Szene, die der tiefsinnige, stets mehrbödige schwarze Humor Kreislers geprägt hat.

Mit Laura Schneiderhan hat die imaginäre Lola Blau in diesem Ein-Frau-Stück, das sich „Musical“ nennt, eine grandiose Verkörperung. Rasch nimmt sie das Publikum für sich ein, mit ihrer naiven Jugendlichkeit, ihren Hoffnungen und ihrer Natürlichkeit, die sie in differenziert gestalteter Entwicklung nie aufgibt. Revuehaft im schnellen Wechsel und ungemein stilsicher in Spiel und vor allem Gesang durchläuft sie mit wandlungsfähiger, fabelhafter Stimme Kreislers Humor, Tragik, Bissigkeit, Sehnsucht, Mut und Zynismus. Eine bravouröse, enthusiastisch gefeierte Leistung.

Mit Gerhard Franz Buchegger wurde ein bekannt zeitnah kreativer Pianist gewonnen, der gemeinsam mit Hansjörg Maringer, Schlagzeug, und Jessi Kreuz, Bass, mehr zu bieten hat, als die Sängerin gekonnt zu unterstützen (musikalische Leitung: Hansjörg Sofka). Regisseur Alexander Kratzer sorgt für den stimmigen Ablauf, verlegt die Filmausschnitte von Nazi-Aufmärschen und die Textbeiträge der ergänzenden Figuren virtuos in Mike Ramsauers Spiel von Nähe und Distanz in eine Video-Wall. Bühne und Kostüme gestaltete Michael D. Zimmermann.