Letztes Update am Di, 30.07.2013 11:46

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Bühne

Natur und Kunst siegen über die Zivilisation

Harrison Birtwistles Oper „Gawain“ als erste Opernpremiere der Salzburger Festspiele ein großer, aber nicht überzeugender Wurf.



Von Ursula Strohal

Salzburg – Wenn der lettische Regisseur Alvis Hermanis 2017 an der Wiener Staatsoper Wagners „Parsifal“ neu inszenieren wird, hat er jetzt bei den Salzburger Festspielen mit Harrison Birt­wistles Oper „Gawain“ in der Felsenreitschule möglicherweise eine Vorarbeit geleistet. Die Parallele der Titelfiguren, der erstarrten Männerbünde, der religiösen Symbole ist unverkennbar.

Ein Grüner Ritter erscheint am Hof von König Artus und verlangt, dass man ihm den Kopf abschlage. Als Gawain es tut, setzt der Grüne Ritter sein Haupt wieder auf und befiehlt Gawain zu sich, um nun dessen Kopf zu fordern. Aus der Wanderung geht Gawain geläutert hervor. Er ist zum gereiften, doch provozierenden Antihelden geworden, der die Rittertugenden in Frage stellt, aus den Konventionen aussteigt. Hermanis, der auch das Bühnenbild gestaltete, verlegt die Story in ein postzivilisatorisches Endzeitszenario mit zuckenden lebendigen Toten, Kannibalismus, unter Decken amorph gewordenen Gestalten und überwucherten Autowracks. Die Natur siegt. Videos zeigen Naturkatastrophen, Gleb Filshtinskys verblüffende Lichtarbeit lässt die Galerien der Felsenreitschule wandern, bröckeln, einstürzen, in Flammen aufgehen.

Die frühe englische Romanze birgt viele Motive. Hermanis will noch mehr und alles zugleich. Er lässt simultan agieren, nah an Birtwistles Musik in stetem Fluss, ausufernd, lyrisch gestimmt und hart ausbrechend, Motive wiederholend, traumgesichtig, Ideen türmend zwischen Mythos und Märchen. Das ist zu viel und rückt Pa­rallelgeschehnisse ins Dekorative.

Um der Deutungsvielfalt doch eine Richtung zu geben, lässt der Regisseur Gawain in Gestalt des Joseph Beuys auftreten, des ebenso umfassend denkenden, sozialkritischen, sich aktivistisch um die Einheit von Mensch und Natur mühenden Künstlers. Berühmte Beuys-Installationen wie „Wie man dem toten Hasen die Bilder erklärt“ und „Das Rudel“ werden zitiert, auch Werkmaterialien.

Dirigent Ingo Metzmacher hat den musikalischen Apparat, die Verbindung zur Bühne und zum unsichtbaren Salzburger Bach-Chor grandios in der Hand, das überquellend besetzte RSO Wien vollbringt eine große Leistung. Erstklassig auch die Sänger, an der Spitze Christopher Maltman (Gawain), Laura Aikin, John Tomlinson, Jennifer Johnston, Jeffrey Lloyd-Roberts und Gun-Brit Barkmin.

Birtwistle hat das seit der Uraufführung nicht mehr gespielte Stück, kein Musikdrama im herkömmlichen Sinn, zweifach überarbeitet. Es ist trotz seines Gestaltreichtums stets ähnlich strukturiert, episch, und irgendwann nicht mehr mitreißend.




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