Letztes Update am Di, 19.11.2013 06:22

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Bühne

Sehr viel Vorstadtspaß

Die Wiener Staatsoper traute sich an eine neue „Zauberflöte“: ein netter, kindgerechter Abend, der allerdings einiges an Substanz vermissen ließ.



Von Stefan Musil

Wien – Mozarts „Zauberflöte“ ist keine leichte Regie-Nuss. Ungeheuer viel ist über dieses Werk nachgedacht, geschürft und geforscht worden. In der neuen Produktion der Wiener Staatsoper ist von all dem nichts zu merken. Das Regie-Duo Moshe Leiser und Patrice Caurier hat offenbar angesichts der Tatsache, die „Zauberflöte“ in Wien – an dem Ort, für den sie bestimmt war – zu inszenieren, die Flucht nach vorne angetreten. Also beschlossen sie, aus den vielen Deutungsschichten, die sich auf das Werk gelegt haben, einfach wieder das „Singspiel“, das „Vorstadttheater“ auszugraben. Wie sie im Programm anmerken, wollten sie „eine Überfrachtung mit Symbolen, ein zergrübeltes Denktheater“ vermeiden. Ausgangspunkte für sie sind „Zauber“ und „Flöte“ und sie meinen damit die Leichtigkeit, die Einfachheit des Werkes und die Kraft der Musik, die in ihm steckt.

So schön, so gut. Es ist ein klarer Ansatz, den Leiser und Caurier ergriffen haben und sie haben ihn auch perfekt umgesetzt. Mit einem Portal im Stil des Zuschauerraums der Staatsoper verkleinern sie die Bühne tatsächlich auf Vorstadtformat. Von der großen Bühne dahinter, in der man auf die nackte Bühnenrückwand und ein wenig Theatermaschinerie blickt, lässt sich dieser Spielort mit einem Vorhang abtrennen. Christian Fenouillat hat ihnen diese „arme“ Szenerie gebaut, Agostino Cavalca dazu hübsch fantasievolle Kostüme entworfen, und die Regisseure gestalten mit diesen Vorgaben einen amüsanten Abend.

Was ihnen dabei wohl am besten gelingt, ist, in der durchaus mit Längen gesegneten Oper das Tempo in den Dialogen gehörig anzuziehen und diese von so mancher Spieltradition zu entstauben. Papageno tritt mit lebendigen Tauben auf. Er darf auch durch den Zuschauerraum rauschen, sich auf die Besucher in den Parkettreihen werfen und, wenn er sich fürchtet, seine Haare zu Berge stehen lassen.

Der Abend ist bunt, unterhaltsam und eingängig. Mit einfachsten Mitteln wird hier tatsächlich gezaubert: Wenn die Königin der Nacht ihren ersten Auftritt hat, kracht und knallen die Feuerwerkskörper und zwei leuchtende Mondsicheln steigen aus dem Bühnenboden. Immer wieder verschwinden die Protagonisten auch in diesem oder fahren aus ihm empor. Wenn dann Tamino mit seiner Flöte Monostatos und einen Trupp Polizisten in Tutus zum Tanzen bringt, sorgt das für Heiterkeit im Publikum. Entzücken rufen auch die putzigen Bärchen, rennende Strauße und ein aus der Bühnengasse schauender Riesendrache hervor. Die drei Knaben und Pamina schweben sogar in den Bühnenhimmel davon. Doch irgendwann fragt man sich angesichts der allerliebsten, ideal kindgerechten Herzigkeit, ob an einem Haus wie der Staatsoper nicht doch ein Hauch von Tiefgang drinnen gewesen wäre?

Denn auch in musikalischer Hinsicht bleibt der Abend diesmal eher an der Oberfläche. Die Besetzung ist durchwegs gut und solide. Benjamin Bruns singt einen sehr feinen, auch zu kraftvollen Tönen fähigen Tamino. Markus Werba macht seine Sache als Papageno ebenso gut und Valentina Nafornita ist seine herzige Papagena. Der als indisponiert angesagte Brindley Sherratt überzeugt mit sonoren Sarastro-Tönen. Auch die drei Damen (Olga Bezsmertna, Christina Carvin und Alisa Kolosova) bedrängen tüchtig immer wieder Tamino und Papageno, während die mit Wiener Sängerknaben besetzten Knaben zumindest brav singen. Chen Reiss ist als Pamina mit ihrem etwas flackrigen, zarten Sopran dann doch ein wenig schwach besetzt. Die sehr junge Olga Pudova feuert als Königin der Nacht klangvoll und blitzsauber ihre Hochtöne ab, macht aber sonst einen stimmlich etwas unsteten Eindruck. Auf Sängerseite wäre für eine Premiere jedenfalls durchaus auch etwas Glanz denkbar gewesen. Genauso hätte man von Christoph Eschenbach am Pult des klangschön spielenden Orchesters mehr Temperament, Genauigkeit, gelungene Koordination und eine deutlich stärker inspirierende Lesart des Notentextes erwarten können.

Nur knapper, freundlicher Premieren-Applaus ist für eine „Zauberflöte“ an der Wiener Staatsoper dann doch etwas mager.