Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 04.08.2014


Bühne

Ein Schnitzel für die Götter

Kraftlackl Kuhn hat es wieder getan: Wagners „Ring des Nibelungen“ in 24 Stunden als musikalisches Gesamtkunstwerk – und sportliche Herausforderung für Künstler und Publikum.

Mit dem „Rheingold“ beging man im Passionsspielhaus am Freitag den „Vorabend“. Die Liegestühle waren auch da schon schwer beliebt.

© Peter KitzbichlerMit dem „Rheingold“ beging man im Passionsspielhaus am Freitag den „Vorabend“. Die Liegestühle waren auch da schon schwer beliebt.



Von Ivona Jelcic

und Ursula Strohal

Erl – Ringe unter den Augen vieler Festspielbesucher, die das Passionsspielhaus gegen zwei Uhr morgens zur letzten Pause in die kühle Nachtluft entlässt. Die einen sinken matt in die bereit gestellten Liegestühle, andere setzen auf vitalisierende Wirkung von Jausenbrötchen, Wasser, Wein und Koffein. Man kann sich’s auch höchstselbst im Spiegel anschauen: Schwer hängen die letzten neun Stunden in den Gliedern und auf den Augenlidern.

Und dennoch ist diesem Kuhn’schen Mammutprojekt eine beachtliche Sogwirkung nicht abzusprechen. Wo die nicht reicht, gibt’s außerdem noch sportlichen Ehrgeiz, mit dem sich manche hier die Wagner-Kante geben. Nicht zu vergessen die Extraportion Enthusiasmus, die nicht nur ein aus Wien angereistes Paar im Gepäck hat – nebst Picknickkorb, aus dem ein paar Stunden zuvor – zwischen „Walküre“ und „Siegfried“ – Wiener Schnitzel hervorgezaubert wurden. Auf diese Weise habe man schon den letzten 24-Stunden-Ring 2005 zum Rundumerlebnis werden lassen.

Auf also zum dritten und letzten „Siegfried“-Aufzug, es gilt ja noch, Brünnhilde aus dem Fackelkreis der Erler Kinder zu befreien, für die das lange Aufbleiben ganz offensichtlich das reinste Abenteuer ist. Diesbezüglich ohnehin keine Wahl hat, neben dem Maestro selbst, das Festspiel-Orchester. Eine Streicher-Gruppe, junge Musikerinnen und Musiker aus Italien, Russland, Spanien, schnauft am seitlichen Bühneneingang kurz durch. Wie’s denn so gehe? Dafür gibt es nur ein einziges Wort, das das krasse Gegenteil von „gut“ recht anschaulich beschreibt. „Wir sind fix und fertig“, heißt es dann noch – was aber eben noch nicht auf den „Late Night Siegfried“ zutrifft.

Wie viel Verve und Präzision dafür vom Orchester schließlich noch aufgeboten wird, verdient jedenfalls ein eigenes Kapitel in der „Heldengeschichte“ 24-Stunden-Ring, die Gustav Kuhn an diesem Wochenende zum zweiten Mal geschrieben hat. Als ein in Sachen Wagner ziemlich zart besaiteter „Kraftlackl“ des Opern- und Festivalbetriebs, der in Erl partout sein eigenes Ding durchziehen wollte. Und damit nicht nur zahlreiche Bayreuth-Flüchtlinge, sondern auch Mäzen Hans Peter Haselsteiner für sich gewonnen hat. Letzterer wird sich am späten Sonntagnachmittag mit einem Kniefall bei beim Maestro für sein bislang wohl einzigartigstes Geburtstagsgeschenk, den „HPH-24-Stunden-Ring“, bedanken. Zu dem übrigens auch einige Prominenz – von Ex-Kanzler Alfred Gusenbauer bis ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz – angereist ist. Haselsteiner jedenfalls zeigt auch nächtens um vier Uhr keinerlei Ermüdungserscheinungen – ebenso wenig wie Pamela Scott-Manderson, die vier, fünf kurze Stunden Schlaf später schon wieder freudestrahlend auf den Beginn der „Götterdämmerung“ wartet. Die 89-jährige Britin reist aus Manchester regelmäßig nach Bayreuth und auch nach Erl, wo es weniger „sophisticated“ und so sympathisch zugehe. „Es ist unglaublich, was hier, in so einem kleinen Dorf, auf die Bühne gebracht wird“, sagt die betagte Lady – und lässt sich von einem der Feuerwehrmänner in ihrem Rollstuhl ins Passionsspielhaus helfen. Wo vor dem dritten Aufzug der „Götterdämmerung“ Kuhn und die Musikerinnen und Musiker als Helden dieses ganzes wahnwitzigen 24-Stunden-Projektes mit einem Riesenjubel zur letzten großen Anstrengung angefeuert werden. Sie antworten mit einem ebenso mitreißenden wie intensiven Akt, im Finale getragen von der atemberaubenden Brünnhilde der Mona Somm.

Die Zustimmung für Wagner, Kuhn, die Sänger, diffizil ausgeleuchteten Klangstrom, stimmungsvolles Feuerspiel und die vier Kinder als Zukunftsträger mit ihrem Fadenspiel wie überhaupt für dieses singuläre Wagner-Fest mit seinem Ambiente entlädt sich in einem Publikumsjubel sondergleichen.

Mit dem 24-Stunden-Ring gingen die 17. Erler Festspiele mit einer 96-prozentigen Gesamtauslastung zu Ende.