Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 03.10.2016


Film und TV

Neurotiker, Androiden, Superhelden

Netflix & Co. sind in den Streaming-Herbst gestartet. Während Woody Allens erste Serie die Kritiker enttäuschte, hofft HBO auf ein neues „Game of Thrones“.

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© Amazon Studios



Von Silvana Resch

Innsbruck – Soll das wirklich das Ende sein? 27 Jahre lang hat der Schriftsteller Sidney Muntzinger (Woody Allen) Abend für Abend die Alarmanlage seines schicken New Yorker Vorstadt-Hauses aktiviert. Doch gerade in dieser Nacht hat er darauf vergessen. Dabei sei er doch gerad­e dabei, seine TV-Serie zu verkaufen, jammert der mäßig erfolgreiche Autor, als sich ein Einbrecher im Haus zu schaffen macht. Das mit der Serie ist freilich ein guter Witz: Der umtriebige und immer wieder geniale Hollywood-Regisseur, der aus seiner Abneigung gegen das Serienfach keinen Hehl macht, hat sich nach langem Bitten und finanziell unschlagbaren Argumenten überreden lassen, für Amazon seine erste Serie zu drehen. „Der Fluch meines Lebens“, klagte der 80-Jährige über „Crises in Six Scenes“, ein Sechsteiler, der im Amerik­a der 1960er-Jahre angesetzt ist. Seit vergangenem Freitag ist die Produktion auf der Videoplattform des Internetriesen abrufbar. Woody Allen ist darin einmal mehr in seiner Neurotiker-Paraderolle zu sehen, Ehefrau und Psychiaterin Kay (Elaine May) steht ihm zur Seite. Popstar Miley Cyrus mimt die Einbrecherin, die sich als radikale Aktivistin entpuppt. Als Muntzingers Gegenspielerin sorgt sie für recht vorhersehbare Verwicklungen.

Beinahe trotzig vertraut Woody Allen ganz und gar auf gemächlich inszenierte Dialoge, die in der Ästhetik jener Zeit gedreht sind, in der auch die Handlung angesetzt ist: lange Einstellungen und Schuss-Gegenschuss. Bei den Kritikern ist „Crises in Six Scenes“ großteils durchgefallen. In einem immer unübersichtlicher werdenden Seriendschungel liefert Wood­y Allen Amazon aber die Aufmerksamkeit, die für einen gelungenen Start in den Streaming-Herbst benötigt wird. Konkurrent Netflix setzt derweil auf übernatürliche Kräfte: Zeitgleich zu „Crises in Six Scenes“ schickte der Videodienst seinen neuen, mittlerweile dritten Marvel-Superhelden „Luke Cage“ ins Rennen. Als erste Superhero-Serie mit einem afroamerikanischen Hauptdarsteller wurd­e „Luke Cage“ überwiegend positiv aufgenommen.

Der Bezahlsender HBO baut indes auf eine Neuauflage des 1970er-Jahre-Science-Fiction-Aufregers „Westworld“ von Michael Crichton. Die von J. J. Abrams produzierte Serie mit Anthony Hopkins und Ed Harris spielt in einem Wildwest-Vergnügungspark, in dem Androiden ein Bewusstsein entwickeln und zum Rachefeldzug ansetzen. HBO, das nach dem gefloppten „Vinyl“ gut einen Serien­hit gebrauchen könnte, versucht mit dem ambitionierten Prestige­projekt einen würdigen Ersatz für „Game of Thrones“ zu finden. „Westworld“ startet heute auf Sky.

Auf ein vorrangig weibliches Serien-Publikum ist indes „Divorce“ ausgerichtet. Nach „Sex and the City“ gibt es darin – ebenfalls auf Sky ab 9. Oktober – ein Wieder­sehen mit Sarah Jessica Parker. Sie spielt in der zehnteiligen Comedy-Serie eine desillusionierte Ehefrau, die kurz vor der Trennung steht. Zwischen Lachen und noch mehr Weinen ist auch die Amazon-Serie „One Mississippi“ angesiedelt, die auf Amazon Prime angelaufen ist. Die Serie, die lose auf dem Leben der US-Komikerin Tig Notaro beruht, dürfte jene Seher abholen, die Allen mit seinem Vorstoß ins Serienfach nicht abzuholen vermag.