Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 03.11.2016


Film und TV

Eine Leserin als Flaneurin des Lebens

In ihrer bei der Berlinale preisgekrönten Tragikomödie „Alles was kommt“ lässt Mia Hansen-Løve ihren Star Isabelle Huppert brillieren.

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© Filmladen



Innsbruck – Die Schüler eines Pariser Lycée streiken, um sich mit den Arbeitern gegen Rentenkürzungen zu solidarisieren. Etwas ruppig wird Nath­alie (faszinierend alterslos: Isabelle Huppert) als Schülerin am Betreten des Gymnasiums gehindert. Aber Nathalie weiß sich zu wehren, außerdem unterrichtet sie Philosophie. Die Lehrerin findet es merkwürdig, dass sich die Achtzehnjährigen insgeheim schon um die eigene Pension sorgen. Ideologische Verdächtigungen lässt sie an ihrem Rücken abprallen, schließlich war sie Kommunistin, hat zur Ernüchterung sogar die Sowjetunion besucht. Ihre Schüler müssen über Jean-Jacques Rousseaus Gesellschaftsvertrag nachdenken, einen ihrer ehemaligen Schüler versucht sie zu einer Dissertation über Adorno zu ermuntern, doch Fabien (Roman Kolinka) denkt zurzeit eher an Anarchie und die Herstellung von Käse in einer Landkommune. Im Verlag, für den sie eine philosophische Reihe betreut, erwarten sie weitere Enttäuschungen. Das Lektorat leiten neuerdings Marketingspezialisten, die an das Befüllen von Supermarktregalen zu denken scheinen.

Es sind Indizien sozialer und ökonomischer Veränderungen, für die Nathalie sonst keinen Blick hat. So unverbindlich sie der Welt begegnet, wünscht sie auch von ihr nicht weiter gestört zu werden. Es ist ein eher langweiliges Leben, in dem die gemeinsam mit ihrem Mann Heinz (André Marcon), ebenfalls Philosophielehrer, eingerichtete Bibliothek den einzigen Trost spendet. Dann kommt dieser berühmte Satz „Ich habe jemanden kennen gelernt“, mit dem sich Heinz erstmals als Abenteurer vorstellt. Mit der jungen Freundin möchte er ein neues Leben beginnen. Natürlich nimmt er Nathalies Lieblingsbücher mit, aber am meisten wird die Verlassene das Haus in der Bretagne vermissen. Nathalies Mutter (Edith Scob) wusste es schon immer, aber die alte Dame, die täglich die Feuerwehr kommen lässt und mit Selbstmorddrohungen Zuwendung erpresst, kann ihre Tochter nicht mehr erschüttern.

Damit ist „Alles was kommt“ nicht einmal ein schlechter deutscher Titel für diese Tragikomödie über spätbürgerliche Befindlichkeiten, obwohl die Regisseurin Mia Hansen-Løve mit „L’avenir“ (Die Zukunft) einen größeren Rahmen andeutet. Im Fernsehen verbreitet (noch) Staatspräsident Nicolas Sarkozy seine Plattitüden.

Nathalie verweigert sich dem Nervenzusammenbruch, sie wird zur Flaneurin, die furchtlos ihr Leben wie eine raue Landschaft durchstreift. Mia Hansen-Løve wurde bei der diesjährigen Berlinale mit einem Silbernen Bären als beste Regisseurin ausgezeichnet, aber es ist Isabelle Huppert, der die Inszenierung diese traumwandlerische Leichtigkeit verdankt. (p. a.)

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