Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 12.06.2017


“Born To Be Blue“

Der „King of Cool“ mit den zerstörten Zähnen

Robert Budreau erfindet in „Born To Be Blue“ ein Hollywood-Rührstück für das tragische Leben des legendären Jazz-Trompeters Chet Baker.

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© Thimfilm



Von Peter Angerer

Innsbruck – Im Hollywood-Kino der 50er- und 60er-Jahre endete die Geschichte des Jazz mit Glenn Miller oder Duke Ellington, Luis Armstrong durfte in Gastauftritten die Trompete blasen. Chet Baker (1929–1988) wurde hingegen in italienischen Filmen gefeiert. In Lucio Fulcis „Urlatori alla sbarra“ trat er 1960 als „Chet, der Amerikaner“ neben Adriano Celentano auf. Daher war es eine naheliegende Idee des Produzenten Dino De Laurentiis, das bereits damals desaströse Leben des „King of Cool“ zu verfilmen. Aber Baker (Ethan Hawke) klebt 1960 auf dem Betonboden einer Gefängniszelle im toskanischen Lucca, will nach seinem Instrument greifen und kann die Hand gerade noch zurückziehen, als eine Tarantel aus dem Schallbecher kriecht.

Im Film-noir-Stil erinnert sich der Trompeter an seinen ersten Auftritt im New Yorker Birdland, an die Erniedrigung durch Miles Davis, der dem aus Kalifornien angereisten Schönling empfiehlt, „erst wiederzukommen, wenn er mehr gelebt“ hätte. Immerhin fliegen ihm die Herzen der Frauen zu. Eine von ihnen kommt in seine Garderobe, raunt ihm die verführerische Litanei von Glück und Verderbnis ins Ohr: „The Fear! The Death! The Fuck!“ Schnell schießt das Heroin in die Blutbahn des Musikers, der die Reise in das Paralleluniversum nicht genießen kann, weil seine Frau Elaine (Carmen Ejogo) in die Garderobe stürmt und den Todesengel verjagt. „Halt“, sagt Baker, „so war das gar nicht.“ Damit endet dieser Film im Film, in dem sich Baker selbst spielt, Elaine ist in Wirklichkeit die Schauspielerin Jane Azuka, die sich durch diese Rolle an der Seite der abgetakelten Jazz-Ikone endlich einen Karriereschub erhofft. Ein Rendezvous („Ich treffe mich nicht mit Junkies!“) lehnt sie ab, da wird Baker wegen seiner Drogensucht auch schon wieder verhaftet, die Dreharbeiten werden, um größeren Schaden zu verhindern, abgebrochen, aber eine große Liebesgeschichte kann beginnen.

Es hat weder dieses Filmprojekt über Chet Baker gegeben noch die Schauspielerin Jane Azuka, die der kanadische Regisseur Robert Budreau in seinem zweiten Spielfilm als guten Geist die tragische Lebensbahn des von Musikproduzenten und Kollegen längst abgeschriebenen Baker kreuzen lässt. Hilflos muss sie vor dem Filmstudio in Hollywood mitansehen, wie dem Musiker von Drogendealern die Zähne ausgeschlagen werden und er damit endgültig in das musikalische Abseits befördert wird. Dieser Überfall hat zwar – wenn überhaupt, da Baker auch ein begnadeter Schläger war – in San Francisco stattgefunden, doch die fiktive Annäherung an Bakers Biografie erlaubt Budreau einen relativ freien Zugang zu den Mythen und Erfindungen des Musikers, der mit einer Zahnprothese seiner Trompete eine neue Spielweise abringen konnte. Dass die künstlichen Zähne Baker 1966 zum Singen gebracht haben, ist eine eher ärgerliche Fiktion, denn die romantische Ballade „My Funny Valentine“ bescherte dem Sänger mit der hohen Stimme bereits in den Fünfzigern weltweiten Ruhm. In der grandiosesten und zugleich fragwürdigsten Szene huldigt Budreau dem Geniekult. Zehn Jahre nach seinem Birdland-Debüt wagt Baker das Comeback. In der Garderobe hat er sein Heroinbesteck ausgebreitet, Jane und sein Manager wollen ihn mit der Ersatzdroge Methadon retten. In Bakers Kopf rattert die alte Litanei. Wie wird er sich entscheiden? Diese Szene ist ein Triumph für Ethan Hawke, wenn aus Janes Augen die Tränen rinnen.