Letztes Update am Mi, 13.09.2017 06:09

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


TT-Interview

Anarcho-Reporter Peter Klien:

„Ich werde nicht lockerlassen“

Unruhestifter aus Leidenschaft: Vor Peter Kliens frechen Fragen nimmt so mancher Politiker Reißaus. Aber der Anarcho-Außenreporter mit philosophischem Background und Bergbauern-Vergangenheit hat einen langen Atem.

© Bernhard NollEr sieht nur harmlos aus: Peter Klien nimmt sich als Außenreporter bei „Willkommen Österreich“ kein Blatt vor den Mund.



Innsbruck – Ein Altphilologe und Philosoph mit Streberbrille bringt Politiker aus der Fassung und Prinz Charles dazu, über die Frage, wie es sich in einem King-Size-Bett schläft, nachzudenken. Mit der TT spricht Peter Klien, der bei „Willkommen Österreich“ vom Gagschreiber zum Anarcho-Außenreporter aufgestiegen ist, über Bammel-Momente, das Abweichen vom Alltagstrott, sein „Auslands-Semester“ in Tirol und das Schreiben von Nestroy-Couplets. Und verspricht, dass er über kurz oder lang auch Sebastian Kurz vors Mikro bekommt.

Glauben Sie tatsächlich, dass aus Herbert Kickl ein anderer geworden wäre, wenn er in der Schule mit seiner Klassenkameradin Eva Glawischnig geschmust hätte?

Peter Klien: Das muss man durchaus für möglich halten. Und ich hab’ auch einiges versucht, um das herauszufinden, leider mit nicht zufriedenstellendem Ergebnis.

Leider hat hier auch Ihr Nachbohren nichts gebracht. Hat es Sie viel Überwindung gekostet, diese Frage zweimal zu stellen?

Klien: (lacht) Natürlich ist das keine Frage, die man sonst in einem politischen Interview stellt – und da musste ich mich schon auch überwinden. Aber weil mein inneres Feuer für meine Arbeit brennt, macht mir selbst eine solche Frage in erster Linie Spaß.

Gibt’s Momente, in denen Sie Bammel haben? Etwa wenn Ihnen ein unwirscher Erwin Pröll oder ein pikierter Prinz Charles gegenübersteht?

Klien: Bammel bringt’s auf den Punkt, schließlich befindet man sich ja nicht alle Tage im Umfeld der Spitzenpolitik oder der gesellschaftlichen Elite. Aber diese Bammel-Momente filme ich dann nicht.

Als Sie im Vorjahr als Außenreporter bei „Willkommen Österreich“ anfingen, kannte man Ihr Gesicht nicht, das hat sich nun geändert. Steigt dadurch die Gefahr, dass Ihnen nicht nur – wie geschehen – Sebastian Kurz, sondern auch andere Interview-Partner davonlaufen?

Klien: Natürlich ist die Situation jetzt neu. Und daran werden sich alle Beteiligten – also die Interviewten und ich als Interviewer – anpassen. Ich rechne auch damit, dass jemand, der nicht mit mir sprechen will, jetzt schneller Reißaus nimmt als bisher. Aber wenn er mir als wichtiger Gesprächspartner erscheint, dann werde ich nicht so einfach aufgeben.

Was würden Sie Herrn Kurz fragen wollen?

Klien: Das richte ich ihm nicht über die Zeitung aus. Aber ich werde auch bei ihm nicht lockerlassen.

Sie haben einmal gesagt, dass Sie als Journalist nichts werden wollen. Aber mit Ihren unberechenbaren Fragen sind Sie doch schon was geworden. Vielleicht auch jemand, den andere Journalisten beneiden.

Klien: Ich muss sagen, dass ich von den anderen Journalisten sehr freundlich aufgenommen wurde. Und in Gesprächen wird mir auch vermittelt, dass meine Einsätze als willkommene Auflockerung empfunden werden. Ob mich die anderen Journalisten beneiden, weiß ich nicht. Gesagt hat’s mir noch keiner.

Sind auch Ihre Interview-Partner froh, wenn Sie ungewöhnliche Fragen stellen?

Klien: Bei einzelnen Politikern, die schlagfertig sind oder sich zumindest für schlagfertig halten, hab’ ich dieses Gefühl durchaus. Michael Häupl zum Beispiel wirkt so, als würde er meine Fragen als angenehme Abweichung vom Alltagstrott empfinden. Aber der Großteil der Politiker hat eher Angst vor Situationen, die sich nicht steuern lassen.

Politiker ziehen also das Berechenbare dem Unberechenbaren vor?

Klien: Die Mehrheit sicher.

Sie haben Philosophie und Altgriechisch studiert und unterrichten an der Uni Wien „Altgriechisch für Philosophen“. Mischen sich da jetzt zusehends auch Fans unter die Studenten?

Klien: Ja. Aber das stört mich nicht. Ich find’s sogar sehr lustig, in verschiedenen Welten zu Hause zu sein. Und wenn sich diese Welten überschneiden, bereichert mich das.

Sie haben auch ein Semester in Innsbruck studiert.

Klien: Ja. Ich wollte unbedingt mal ins Ausland.

Für einen Wiener ist Tirol ja durchaus exotisch.

Klien: Ja, eh. Eigentlich wollte ich damals (1991, Anm.) einfach mal raus aus Wien. Aber weil Österreich noch nicht in der EU war, war’s schwierig, ein richtiges Auslandssemester auf die Beine zu stellen.

Sie haben Ihre Zeit in Tirol dann noch etwas verlängert und einen Sommer als Bergbauer im Ötztal verbracht. Stimmt’s, dass Sie die Stellenanzeige in der Tiroler Tageszeitung entdeckt haben?

Klien: Ja, so war das damals. Ich war knapp einen Monat für die Heuernte abgestellt, was ziemlich anstrengend war. Die Wiesen im Ötztal sind nämlich ordentlich steil! Für mich als Stadtmenschen war das eine sehr herausfordernde Tätigkeit, aber zugleich auch extrem bereichernd. Ich war nie fitter als nach diesem Monat.

Das schreit ja fast nach einer Wiederholung.

Klien: (lacht) Ich glaub’, das würde mein Körper nicht mehr schaffen.

Dann bleiben wir bei der Kopfarbeit: Für das Nes­troy-Stück „Höllenangst“, das am 23. September im Volkstheater Premiere hat, schreiben Sie die Couplets. Wie viel Tagespolitisches wird da mit hineinfließen?

Klien: Ganz tagespolitisch wird’s nicht werden, weil wir die Texte nicht jeden Tag umschreiben wollen, das wäre zu aufwändig. Aber die Couplets sind auf alle Fälle aktuell – ich hab’ erst gestern noch eine Strophe fertig gemacht.

Wer muss höllisch Angst vor den Inhalten bekommen?

Klien: Eigentlich niemand. Denn bei der Satire ist’s ja letztlich so, dass sich Politiker freuen, wenn sie vorkommen – weil damit klar wird, dass ihre Arbeit in irgendeiner Form wahrgenommen wird. Ignoriert werden will keiner.

Im November steht im Rabenhof die Premiere Ihres vierten Soloprogramms „Reporter ohne Grenzen“ auf dem Plan. Gibt’s für Sie eine Humorgrenze, die nicht überschritten werden darf?

Klien: Inhaltlich mit Sicherheit nicht. Und ich überschreite Grenzen ja nur dann, wenn ich absichtlich für Unruhe und Verwirrung sorgen will – und zwar wohlüberlegt.

Gibt’s eine Frage, vor der Sie Angst haben?

Klien: Sie haben in zwei Monaten Premiere. Warum ist Ihr Programm noch nicht fertig?

Das Gespräch führte Christiane Fasching