Letztes Update am Fr, 13.10.2017 15:35

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Harvey Weinstein

Dunkle Seite der Macht: Weinstein-Skandal weitet sich aus

Die Liste der Vorwürfe gegen Harvey Weinstein wird immer länger. Auch Kate Beckinsale berichtet von einer unangenehmen Begegnung. Weinstein selbst äußerte sich zur Trennung von seiner Frau.

© Neben den verheerenden privaten Folgen seiner vermeintlichen sexuellen Ausfälle - seine Frau hat ihn bereits verlassen - drohen Harvey Weinstein auch juristische Konsequenzen.



New York - Knapp eine Woche, nachdem die Enthüllungen der New York Times das Treiben von Harvey Weinstein ans Licht brachten, wird der Skandal immer größer. Die New Yorker Polizei rollt Ermittlungen nach einem sexuellen Übergriff gegen den Filmproduzenten aus dem Jahr 2004 wieder auf. In Großbritannien prüft Scotland Yard, ob ein Ermittlungsverfahren gegen den 65-Jährigen eingeleitet werden soll. Und mit Kate Beckinsale wird die Liste der prominenten Opfer noch länger.

Weinstein selbst äußerte sich bislang nur über seine Anwälte und seine Sprecherin. Er ließ die Vergewaltigungsvorwürfe zurückweisen, entschuldigte sich für sein "Fehlverhalten". Am Mittwochnachmittag (Ortszeit) sprach er vor dem Haus seiner erwachsenen Tochter zu Reportern. Es gehe ihm nicht gut. "Ich muss mir Hilfe holen, Leute." Bevor er in einen Wagen stieg, sagte er: "Wir alle machen Fehler. Ich hoffe auf eine zweite Chance."

Wie US-Medien berichten, verließ Weinstein anschließend Los Angeles und flog nach Arizona. Dort soll er sich in Therapie begeben haben. Das People Magazine will von namentlich nicht genannten Quellen erfahren haben, dass sich der 65-Jährige in ein Luxushotel eingemietet habe und dort auch professionell betreut werde.

"Ich bin am Boden zerstört"

Einzig über die Trennung seiner Frau Georgina Chapman äußerte sich Weinstein ausführlich. "Ich bin völlig am Boden zerstört. Ich habe meine Frau und meine Kinder verloren, die ich über alles liebe", sagte er der New York Post. Er habe ihre Entscheidung unterstützt. "Ich liebe Georgina aufrichtig und hoffe, dass wir uns eines Tages wieder versöhnen, obwohl ich derzeit nicht weiß, wie das passieren könnte."

Die 41-Jährige hatte am Dienstag bekannt gegeben, dass sie sich von ihrem Mann getrennt habe. Just an diesem Tag hatten Gwyneth Paltrow und Angelina Jolie der New York Times über Belästigungen von Weinstein berichtet, als sie am Anfang ihrer Karrieren standen. Zugleich erschien im Magazin The New Yorker ein ausführlicher Bericht, in dem noch schwerere Vorwürfe gegen den Filmproduzenten erhoben wurden. Ronan Farrow hatte mit 13 Frauen gesprochen, drei von ihnen erklärten, von Weinstein zu sexuellen Handlungen gezwungen worden zu sein. Dies wies der 65-Jährige über seine Sprecherin vehement zurück.

Kate Beckinsale und Weinstein im Bademantel

Die Schauspielerin Kate Beckinsale berichtete auf Instagram über ihre Begegnung mit Weinstein in einem Hotelzimmer. Sie sei 17 Jahre alt gewesen, als sie zu einem Treffen bestellt wurde. Statt in einen Konferenzraum wurde sie in das Zimmer des Produzenten geschickt. Er öffnete ihr persönlich die Tür - nur in einen Bademantel gehüllt. "Ich war so unglaublich naiv und jung. Nicht eine Sekunde glaubte ich, dass dieser ältere, unattraktive Mann erwarten könnte, dass ich sexuelles Interesse an ihm haben könnte." Sie habe mit einem unbehaglichen Gefühl aber unversehrt die Suite verlassen.

Jahre später habe Weinstein sie gefragt, ob er bei ihrem ersten Treffen "etwas versucht" habe. "Mir wurde klar, dass er nicht mehr wusste, ob er sich an mir vergriffen hatte." Sie habe im Laufe ihrer Karriere immer wieder Rollenangebote seinerseits abgelehnt. Manchmal habe er sie angeschrien und wüst beschimpft, manchmal auch Scherze darüber gemacht, schrieb Beckinsale weiter.

Schauspielerin Rose McGowan, die der New York Times über sexuelle Übergriffe berichtet hatte, verschärfte auf Twitter ihre Anschuldigungen gegenüber Weinstein und griff zugleich Amazon-Chef Jeff Bezos auf Twitter öffentlich an: Sie habe Roy Price "wieder und wieder" gesagt, dass "HW" sie vergewaltigt habe, ohne dass dieser reagiert habe. Der Chef des Filmstudios, Roy Price wurde in der Nacht auf Freitag suspendiert.

Hollywood-Star Ryan Gosling kündigte an, die Opfer, die sich im Skandal um Weinstein öffentlich äußern, zu unterstützen. "Ich bin von mir selbst zutiefst enttäuscht, dass ich diese verheerenden Erlebnisse sexueller Belästigungen und Misshandlungen nicht bemerkt habe", twitterte Gosling am Donnerstag. Er habe mit Weinstein, wie so viele in Hollywood, zusammengearbeitet. "Er steht symbolisch für ein systematisches Problem. Männer sollten zu den Frauen halten und gemeinsam dafür kämpfen, bis die Leute Rechenschaft ablegen und es zu Veränderungen kommt."

Neben dem kanadischen Schauspieler haben sich auch Filmstars wie Tom Hanks und Leonardo DiCaprio deutlich gegen Weinstein positioniert. Regisseur Oliver Stone wollte die "Gerüchte" hingegen nicht weiter kommentieren. "Ich glaube, man sollte abwarten, bis es zu einem Prozess kommt. Ein Mann sollte nicht von einem System der Selbstjustiz verurteilt werden", sagte Stone dem Hollywood Reporter zufolge am Freitag vor Journalisten in Südkorea.

Heidi Klum und Harvey Weinstein: Beim "Project Runway" arbeiteten die beiden zusammen.
- AFP

Für Model und Moderatorin Heidi Klum weist der Skandal um Weinstein auf ein größeres Problem hin. "Ich wünschte, die grausamen Geschichten, die ich über Harvey Weinstein lese, seien eine seltene Erscheinung in unserer Gesellschaft. Aber das stimmt einfach nicht. Wir sollten nicht so naiv sein zu denken, dass solch ein Verhalten nur in Hollywood passiert", sagte Klum dem People Magazine. Es sei nur ein Beispiel dafür, wie schlecht Frauen weltweit noch behandelt würden, betonte die 44-Jährige.

Oscar-Gewinnerin Emma Thompson sagte in einem Interview mit der BBC, Weinstein sei nur "die Spitze eines speziellen Eisbergs". Sie selbst habe nie mit ihm zusammengearbeitet. Sie habe nur beruflich mit ihm zu tun gehabt - und auch die Geschäftspraktiken seien "schikanös" gewesen. Sie habe nur am Telefon persönlich mit ihm gesprochen. "Ich habe ihm gesagt, dass ich niemals, niemals mit ihm arbeiten will." Von seinem Verhalten gegenüber Frauen habe sie nichts gewusst. Es überrasche sie aber nicht, es komme in dem System immer wieder vor. "Er ist kein Sex-Süchtiger, er ist ein Raubtier." Er stehe an der Spitze eines Systems der Belästigung, der Herabsetzung, der Einschüchterung, der Beeinflussung von Frauen. (smo, dpa)


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