Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 15.10.2017


Film und TV

Die schönste und taktvollste Spionin aller Zeiten

Vor 100 Jahren wurde Mata Hari alias Agentin H21 hingerichtet: Um das Leben der Femme fatale mit friesischen Wurzeln ranken sich viele Legenden.

© AFPMata Hari ging als exotische Tänzerin und vermeintliche Meisterspionin in die Geschichte ein.



Amsterdam – Sie liegt auf einem Diwan: der schlanke Körper nur von Seidentüchern und Ketten bedeckt, die Augen dunkel, geheimnisvoll. Mata Hari ging in die Geschichte ein als schöne und exotische Tänzerin, als Femme fatale, als Kurtisane und als raffinierte Meisterspionin. Vor 100 Jahren, am 15. Oktober 1917, wurde sie im Park von Vincennes von französischen Soldaten exekutiert. Mata Hari hatte auf eine Augenbinde verzichtet. Vor den tödlichen Schüssen soll sie den Soldaten noch eine schlüpfrige Bemerkung zugerufen haben. Unter dem Pelzmantel sei sie nackt gewesen. Ach ja – das sind einige der vielen Legenden, die sich um Mata Hari ranken.

„Sie ist bis heute ein Mythos und ein Mysterium“, sagt Hans Groeneweg, Konservator des Friesischen Museums in Leeu­warden. Das Museum zeigt zum 100. Todestag die bislang größte Ausstellung über Mata Hari, die 1876 in der friesischen Kleinstadt geboren wurde. Margaretha Geertruida Zelle wuchs als Tochter eines wohlhabenden Hutmachers und seiner Frau auf. Doch dann stirbt ihre Mutter, und der Vater geht pleite. Da ist Gretha 14 Jahre alt. Mit 18 Jahren heiratet sie den 20 Jahre älteren Offizier der niederländischen Kolonialarmee, Rudolph MacLeod, den sie über eine Heiratsannonce kennen gelernt hatte. Mit ihm bekommt sie zwei Kinder und zieht ins heutige Indonesien.

Dort begegnet sie der asiatischen Kultur und lernt exotische Tänze kennen. Sie ist fasziniert. Die Ehe ist schlecht und als dann der Sohn im Alter von zwei Jahren stirbt, bricht sie auseinander. Zurück in den Niederlanden steht Margaretha vor dem Nichts. Sie hat kein Geld, ihr Ex-Mann hat die Tochter Non und zahlt keine Alimente. Nun steht sie vor der schwersten Entscheidung ihres Lebens, sagt Konservator Groeneweg. „Einerseits will sie eine bürgerliche gute Mutter sein – auf der anderen Seite lockt Paris.“ Sie geht nach Paris und sollte ihre Tochter nie wiedersehen.

Als geschiedene Frau ohne Geld hatte sie es schwer, „anständig zu bleiben“, wie Margaretha schreibt. Als Deutschlehrerin, Hausmädchen, Foto- oder Akt-Modell für Maler kommt sie kaum über die Runden. Dann beginnt sie zu tanzen, so wie sie es auf Java gesehen hatte und mit sehr viel eigener Fantasie. Sie erfindet sich auch eine exotische mysteriöse Vergangenheit: Sie sei eine javanische Prinzessin, eine Tempeltänzerin. Und das nimmt man der dunkelhaarigen Schönheit auch ab. Aus dem friesischen Provinzmädchen wird Mata Hari – javanisch für „Das Auge des Tages“.

Mit dem exotischen Kostüm, fremder Musik, gedämpftem Licht und dem erotischen Tanz schaffte sie den Durchbruch im Pariser Museum für asiatische Kunst des Industriellen Emile Guimet. In der Belle Epoque traf Mata Hari genau den Geschmack und machte Karriere in Europa. Sie trat in den großen Theatern auf, die Welt lag ihr zu Füßen – vor allem die Männer. Mata Hari ließ sich von Männern mit Macht, Geld und Uniform hofieren und ihr Luxusleben finanzieren. Das ging ein gutes Jahrzehnt gut. Doch der Erste Weltkrieg unterbrach ihre Karriere. Außerdem war sie inzwischen auch Ende 30. Wie lange würde sie noch begehrenswert sein?

Da kam 1916 das Angebot eines deutschen Diplomaten in Den Haag nur gerade recht. Für 20.000 Francs Vorschuss stimmte sie zu, für Deutschland zu spionieren. Aus Mata Hari wurde Agentin H21. „Sie war total naiv“, sagt Historiker Groeneweg. „Ihr ging es vor allem ums Geld.“ Dank ihrer guten Kontakte zu russischen, deutschen und französischen Offizieren hätte sie die ideale Spionin sein können. Aber sie hat wohl nie große Geheimnisse verraten. In diesem Jahr wurden die letzten französischen Prozessakten veröffentlicht – und die enthüllten keine neuen Hinweise.

Als der französische Sicherheitsdienst Margaretha Zelle am 13. Februar 1917 verhaftete, nahm sie das nicht ernst. Sie klagte über Dreck und Ungeziefer im Gefängnis. Als sie das Unheil erkannte, flehte sie ihre Liebhaber um Hilfe an. Vergeblich.

Heute sind sich die Historiker einig: Mata Hari war ein willkommener Sündenbock für Frankreich. Eine verführerische Spionin konnte man leicht für den moralischen Verfall der Truppe verantwortlich machen. „Mata Hari war die falsche Frau zum richtigen Moment“, schreibt der Historiker Edwin Ruis. Ihr Image der gefährlichen Femme fatale machte sie unsterblich. Ihr Mythos lebt weiter in Büchern und Filmen. Aber am Ende war das ihr Untergang. Als hätte sie das geahnt, schrieb sie 1904: „Ich weiß, dass dieses Leben mit einem Unglück enden wird.“ (APA, dpa)


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