Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 10.11.2017


“Licht“

Wiener Wunderheilung im Jahre 1777

Barbara Albert lässt eine blinde Pianistin sehen. Ihr fünfter Film „Licht“ startet nach der Viennale nun in den Kinos.

© Christian Schulz/Geyrhalterfilm



Von Marian Wilhelm

Wien – Ein Film über Blindheit ist eine voyeuristische Angelegenheit. Doch in Barbara Alberts fünftem Spielfilm „Licht“ geht es um viel mehr als nur die Dunkelheit des Sehens. Unter der Oberfläche dieses opulenten Historien-Films werden sehr bald hochaktuelle und zeitlose Themen sichtbar. Der internationale Titel „Mademoiselle Paradis“ nimmt die blinde Protagonistin mit dem schönen Kinonamen ins Visier: Maria Theresia Paradis war eine Wiener Pianistin zur Zeit der Kaiserin gleichen Namens. Im bedeutungsvollen Jahr 1777 ist sie 18 Jahre alt und ein musikalisches Wunderkind – wegen und nicht trotz ihrer Blindheit. Ihre unsensiblen Eltern kümmern sich um die Klavier-Karriere der Tochter und schicken sie bei erfolglosen Ärzten zu Quecksilber- und Schwefel-Kuren. Fast wie bei der Wachstumsverweigerung des kleinen Oskar Matzerath in der „Blechtrommel“ erblindete Resi mit drei Jahren plötzlich. Als sie zum aufstrebenden Arzt und Heiler Franz Anton Mesmer kommt, sehen wir eine Ahnung von Trauma-Therapie und Psychoanalyse avant la lettre.

Doch der Arzt im Film ist nur nebenbei therapeutischer Zuhörer; seine Methode ist der „animalische Magnetismus“. Von seinem damals vieldiskutierten, umstrittenen „Mesmerismus“ soll sich das englische „to mesmerize“ ableiten. Dieses Thema der wissenschaftlichen Erkenntnis korrespondiert mit der Metaphorik des Lichts und dem Sehen der Wahrheit. Magnetismus als Heilungsmethode wird von der kaiserlichen Akademie als Fake gesehen, doch die junge Frau beginnt zu sehen. Devid Striesow spielt diesen Arzt ambivalent: als ehrlichen Wahrheitssuchenden und karrieristischen Scharlatan zugleich.

Anders als in der Bestseller-Vorlage „Am Anfang war die Nacht Musik“ von Alissa Walser steht im Film immer Maria Theresia im Zentrum. Albert will diese sensible junge Frau verstehen: „Ich muss meine Figuren lieben“, meinte sie bei der Viennale-Premiere des Films. Mit der ausgebildeten Tänzerin Maria Dragus (die Pfarrerstochter in Hane­kes „Das Weiße Band“) hat sie eine interessante Darstellerin gefunden. Sie glänzt als unsicheres Teenager-Genie, das mit der Sehkraft auch ihre Selbstständigkeit gewinnt und die Blindheit mit auffälligen Augenzuckungen in Szene setzt. Mit dem Sehen schwindet jedoch ihr musikalisches Können: „Ich möcht’ niemand sein, der nix kann und nix is.“ Dieser künstlerische Zwiespalt zwischen Genie und Normalität ist eine Ebene des Films.

Um Maria Theresia herum gruppiert die Regisseurin eine höfische Gesellschaft mit gestochener Sprache samt französischen Ausdrücken. Auch hier geht es um Sehen und Gesehen werden. Ein starkes Element dieses Films ist die Kontrastierung mit der Dienerschaft, vor allem in Gestalt der Magd Agnes (Maresi Riegner). Hier sieht der Film mehr als seine nobel gekleideten Figuren – und das ist wichtig.

Albert, die mit ihren präzisen Charakterstudien „Nordrand“ und später „Böse Zellen“ und „Fallen“ internationale Festivalerfolge feierte, hatte sich zuletzt in „Die Lebenden“ auf eine intensive autobiografisch-zeitgeschichtliche Reise nach Auschwitz begeben. Mit ihrer ersten Literaturadaption „Licht“ setzt sie den thematisch-intellektuellen Zugang ihres letzten Films fort und wird dabei artifizieller und komplexer. Das Voyeurismus-Thema findet einige entsprechende Bilder; die Nähe zu den Figuren und die Lebendigkeit der Mise en Scène geht in der historischen Ak­ku­ra­tes­se allerdings etwas verloren. „Licht“ ist ein Film, der viel andeutet und wenig klar und hell zeigt – wie seine in Schemen sehende Protagonistin.




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