Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 21.11.2017


Film und TV

“Anna Fucking Molnar“: Eine Komödie über sexuelle Erniedrigung

Sabine Derflinger liefert mit ihrem Film „Anna Fucking Molnar“ nach Nina Prolls Drehbuch nur auf den ersten Blick den Film zur aktuellen MeToo-Debatte.

© FilmladenNina Proll hat „Anna Fucking Molnar“ geschrieben, in der Titelrolle erlebt sie als Josefstadt-Diva den großen Absturz.Foto: Luna



Innsbruck – Die veröffentlichten Kabinengespräche des damaligen Präsidentschaftskandidaten Donald Trump, Macht und Geld mit einem Griff in den Schritt einer Frau zu demonstrieren, lösten noch verhaltenen Ekel aus. Erst die Übergriffe des Hollywood-Moguls Harvey Weinstein führten zur Solidarisierungsaktion von Frauen, die auf ähnliche Weise Opfer von Prominenten oder der Umstände geworden waren.

Seit der MeToo-Debatte gibt es kein Interview mit einer Schauspielerin, in dem solche Erfahrungen nicht geklärt werden müssen. „Wie kann man Sie sexuell erniedrigen?“, wird beispielsweise Anna Molnar gefragt. Ohne den Beistand eines PR-Agenten verweigert sie Details, um nicht „von ganz Österreich, sexuell belästigt“ zu werden. Das ergibt einen Aufmacher, in dem sich der Star diese Erniedrigung ausdrücklich wünscht. Anna Molnar ist eine Filmfigur, die sich die Schauspielerin Nina Proll als Drehbuchautorin vor sechs Jahren ausgedacht hat und die jetzt in Sabine Derflingers Inszenierung in „Anna Fucking Molnar“ erst einmal als Film der Stunde daherkommt und für den Proll auch nicht gerade gut beraten mit bizarren Wortmeldungen die Werbetrommel rührt.

Als 1921 vor einem Berliner Gericht der Theaterskandal um Arthur Schnitzlers „Reigen“ verhandelt wurde, berichteten die empörten Zeugen von jeweils anderen Stücken, die sie jedoch allesamt „zur Lüsternheit angestachelt“ hätten. 100 Jahre später haben Schnitzlers Dialoge jede Anrüchigkeit eingebüßt, weshalb sich der Theaterdirektor (Gregor Bloéb) von seinem Star und zugleich seiner Lebensgefährtin Anna Molnar (Proll) einen großzügigen Umgang mit dem Kostüm wünscht, also „Möpse für die Abonnenten“. Als die Diva den Hallodri bei der Bekämpfung des Lampenfiebers mit einer jungen Kollegin erwischt, greift sie ihrerseits zu einem mörderischen Cocktail, mit dem sich die „Reigen“-Premiere doch noch in einen Skandal verwandelt.

Obdachlos und ohne Erspartes ist die gefallene Diva auf väterliche Zuwendungen angewiesen, obwohl Papa Wolf (Uwe Ochsenknecht) mit Konkurs und „Sexsucht“ hadert. Auf ihrem Weg zurück begegnet die Schauspielerin Störungen und Präferenzen, die sexuelle Revolution und Unterhaltungsmedien auch in bescheidene Kammern zur Nachahmung gespült haben. Aber am Ende geht es darum, wie Nina Proll vergangene Woche bei der Tirol-Premiere sagte: „Jeder Topf findet einen Deckel.“ (p. a.)


Mehr Artikel aus dieser Kategorie

Streaming
Streaming

„Dark“-Macher entwickeln historische Serie „1899“ für Netflix

Die zweite Staffel der ersten deutschen Netflix-Produktion läuft gerade, da arbeiten Jantje Friese und Baran bo Odar bereits an dem nächsten Projekt für den ...

Deutschland
Deutschland

Als die Bilder laufen lernten: 122 Jahre alte Filmaufnahmen aus Köln

Ein bedeutsames Stück Filmgeschichte aus der deutschen Domstadt: 1896 wurde die Szene aufgenommen, die unter anderem die damalige Pontonbrücke über den Rhein ...

Film und TV
Film und TV

„Leto“: Die Hoffnung eines Sommers

Der zeithistorische Hintergrund von Serebrennikovs nicht unnostaglischem Musikfilm bekommt umso größere Dringlichkeit, wenn man die gegenwärtige Situation de ...

Osttirol
Osttirol

Innsbrucker Pogromnacht im CineX

Auf Anregung von Bischof Hermann Glettler zeigen die Macher den Kinofilm „Zersplitterte Nacht“.

Film und TV
Film und TV

Ein depressiver Hund unter traurigen Menschen

„Was uns nicht umbringt“ ist die tragikomische Fortsetzung von Sandra Nettelbecks „Bella Martha“ – 17 Jahre später.

Weitere Artikel aus der Kategorie »