Letztes Update am Fr, 12.01.2018 06:26

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


TT-Interview

„Das System Milch“: Albträume mit Athleten im Stall

Der Südtiroler Regisseur Andreas Pichler erzählt im TT-Interview von Auswüchsen und Alternativen zum „System Milch“.

© Eikon/Miramonte/RattiniDie EU-Agrarpolitik fördert große Strukturen für den Wettbewerb gegen die Welt: „Das System Milch“.



Von Peter Angerer

Innsbruck – Bereits mit seinem ersten Kinodokumentarfilm „Das Venedig Prinzip“ erregte der Südtiroler Regisseur Andreas Pichler 2013 internationales Aufsehen. Es waren spektakuläre Bilder von Ozeanriesen, die in Venedigs historischem Zentrum die Häuser zum Zittern bringen und vom globalisierten Erlebnishunger erzählen. Nicht weniger spektakulär sind die Bilder in seinem aktuellen Film „Das System Milch“, der ab heute im Innsbrucker Leokino zu sehen ist.

Ein Hightech-Stall sieht wie die Kommandozentrale eines intergalaktischen Raumschiffes aus, die neuen Turbo-Kühe, von ihren Schöpfern auf der Landwirtschaftsmesse in Cremona als Athleten und Formel-1-Boliden angepriesen, könnten ebenso gut in einem Star-Wars-Spektakel als Abgesandte dunkler Mächte auftreten. Roboter schieben die Gülle aus dem Stall, andere Roboter übernehmen die Melkarbeit. Pichler zeigt am Beispiel der Milchproduktion die Auswüchse einer industriellen Landwirtschaft, die es mit der ganzen Welt aufnehmen muss.

Die Opfer der EU-Agrarpolitik sind Betriebe, die nicht wachsen wollen oder können und Bauern, die etwa in Schwellenländern an den geförderten Milchpulverprodukten aus Europa scheitern. In Brüssel ist eine Trauerveranstaltung für jene 600 französischen Bauern zu sehen, die sich 2015 nach dem Verlust von Existenz und Würde umgebracht haben.

Sie eröffnen den Film mit einer Erinnerung an Ihre Kindheit, in der Sie ein Hüterbub waren.

Andreas Pichler, Jahrgang 1967, dreht seit 2004 Filme.
- Pichler

Andreas Pichler: Ich bin in Bozen aufgewachsen und den Sommer haben wir immer auf dem Berg, dem Ritten, verbracht. Wir Kinder haben den Bauern bei den Kühen geholfen und konnten unser Taschengeld aufbessern.

Damit endet auch schon die Idylle, die Kühe sehen keine Weide mehr.

Pichler: Ich vertrage seit einigen Jahren keine Milch mehr. Mein Arzt hat mir gesagt, ich hätte eine Altersunverträglichkeit von Milch. Milch soll doch so ein Lebenselixier sein, heißt es überall, da habe ich mir überlegt, müssen wir überhaupt Milch trinken? Und sobald man sich mit Landwirtschaft beschäftigt, scheint alles wahnsinnig kompliziert zu sein. Da wollte ich vom Stoff Milch ausgehend für mich einmal Klarheit schaffen. Wir hören immer, dass von der EU viel Geld für die Landwirtschaft ausgegeben wird. Aus meinen systematischen Überlegungen ist dann der Filmtitel entstanden. „Das System Milch“ klingt zwar etwas sperrig, soll aber die Zusammenhänge aufdecken. Was hat eine Kuh bei uns auf der Wiese mit Afrika, mit China oder Brüssel zu tun?

Was hat die Kuh aus Ihrer Kindheit noch mit einer Kuh in der industrialisierten Landwirtschaft gemein?

Pichler: Genau. Wenn man diese genetisch aufgezüchteten Kühe sieht, die haben wirklich nichts mehr mit unseren Kühen zu tun, die können nur mit hochraffiniertem Kraftfutter gefüttert werden. Auf der Weide würden die das Gras nicht vertragen und draufgehen.

Eine Kuh herzustellen kostet Geld, sagt einer Ihrer Protagonisten. Die Tiere werden zum bloßen Produktionsmittel, das sich innerhalb der nächsten fünf Jahre amortisieren muss.

Pichler: Die Landwirtschaft ist total ökonomisiert, durchrationalisiert worden. Natürlich, jeder größere Bauer war auch in Tirol schon bisher ein Unternehmer. Es war ja auch eine Wirtschaftseinheit, von der viele Menschen abhängig waren. Der Bauer, bei dem wir in Dänemark waren, versteht sich dagegen als reiner Unternehmer. Da geht es nicht mehr darum, das Land zu bewirtschaften und etwas Vernünftiges daraus zu machen. Da geht es nur noch um Bilanzen, um riesige Summen, die investiert werden und zurückbezahlt werden müssen. Das ist natürlich eine Tendenz, die nicht nur in der Landwirtschaft zu beobachten ist.

Wobei es in der Landwirtschaft um mehr geht.

Pichler: Da spielt die Umwelt mit rein, da spielen Tiere und eben die Bauern mit rein, die der Devise „wachs oder stirb!“ folgen müssen. Letztlich spielen da auch die Konsumenten eine Rolle, denn die Produkte dieser industriellen Landwirtschaft haben auch nicht mehr viel mit der Rohmilch von früher zu tun.

Sie zeigen am Beispiel eines Südtiroler Bauern ein Gegenkonzept, bei dem sich Ökologie und Ökonomie versöhnen. Er liefert seine Produkte nur in einem Radius von 200 Kilometern aus, weil sonst die Idee der Nachhaltigkeit verloren ginge.

Pichler: Mir war immer klar, dass ich nicht nur das Böse, die monströsen Auswüchse des Systems zeigen möchte. Der Alexander ist ein kleiner Biobauer aus dem Vinschgau, der mit zwölf Milchkühen seine Familie ernähren kann. Er hat eine qualitative Entscheidung getroffen, stellt aus der Milch einen hochwertigen Biokäse her, den er relativ teuer in Spezialgeschäften verkaufen kann.

Der Vater erzählt allerdings, wie er angesichts der Vorstellungen seines Sohnes die Fäuste geballt hat.

Pichler: Diesen Konflikt sieht man sehr schön, weil der Vater noch einer war, der auf seine leistungsstarken Kühe stolz war und plötzlich hat das nicht mehr gezählt. Interessanterweise, der Film ist in Südtirol ja schon gelaufen, wie der Vater im Kino in Schlanders bemerkt, welche Wertschätzung seinem Sohn, aber auch ihm entgegengebracht wird, das hat ihn unheimlich stolz gemacht. Der Prozess ist noch nicht ganz zu Ende, aber ich denke, er ist dabei, seinen Frieden zu machen. Da ist der Film vielleicht ein kleiner Baustein gewesen.

Eine ganze andere, verblüffende Hofübergabesituation zeigen Sie bei Ihrem Bauern, der kein Bauer mehr sein möchte, in Dänemark. Der Vater ermahnt den Sohn, sich in ein Arschloch verwandeln zu müssen, will er auf dem globalen Milchmarkt bestehen.

Pichler: Das ist für einen Dokumentarfilmer einer der Glücksmomente. Ich wollte dieses Gespräch unbedingt haben, weil die Hofübergabe immer ein wichtiges Thema ist, das sich ja auch durch den Film zieht. Der meinte das auch ernst, als Zyniker betrachtet er so die Welt. Nach den Aufnahmen sagte er, das war jetzt ein richtig gutes Gespräch. Das ist vom Filmischen her das Tolle an Typen wie ihm, dass er so direkt ist.