Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 06.02.2018


Kino

,,Die Einsiedler“: Untergeher auf dem Berg und im Tal

In seinem bildgewaltigen Kinodebüt „Die Einsiedler“ erzählt der Südtiroler Regisseur Ronny Trocker vom Verschwinden der Bauernwelt.

© FilmdelightsAndreas Lust lernte für seine Rolle als Albert den Vinschgauer Dialekt. Orsi Tóth spielt in „Die Einsiedler“ eine ungarische Küchenhilfe.



Von Peter Angerer

Innsbruck – Ein alter Mann, eingepackt in Wollmütze und feste Jacke, schleppt mit letzter Kraft einen Milchkübel vom Stall zum Brunnen, in dem das karge Resultat schwerer Arbeit gekühlt werden soll. Aber dieses Bild einer elegischen Hommage auf eine untergehende Welt birgt noch eine Überraschung. Kaum ist die Mütze vom Kopf gezogen, wird Marianne (Ingrid Burkhard) als Melkerin erkennbar. Bald werden wir auch sehen, dass Marianne nur noch in den Stall geht, wenn sie die Schmerzensschreie der Kühe wegen ihrer prallen Euter nicht mehr ertragen kann.

Der längst dem Verfall ausgelieferte Eggerhof wirft schon lange nichts mehr ab. Wahrscheinlich gibt es nicht einmal mehr Mäuse. Als Marianne den Wurf der Hofkatze findet, schiebt sie die kleinen Katzen in einen Sack, um sie in der Regentonne zu ertränken. Der Bauer, Mariannes Ehemann Rudl (Peter Mitterrutzner), liegt mit gebrochenem Bein im Krankenhaus. Beider Sohn Albert (Andreas Lust) arbeitet im Tal in einem Marmorbruch. In blendend weißen Kathedralen schneiden Diamantsägen Blöcke aus dem Berg. Die Sägen lassen sich zwar über eine Fernbedienung steuern, dennoch ist Vorsicht geboten, da sich der Berg hin und wieder gegen die Eingriffe in sein Inneres wehrt. Auch nach drei Jahren „im Bruch“ hat Albert weder einen unbefristeten Arbeitsvertrag noch einen Platz in der Mitte der Arbeiter gefunden. Seine Herkunft als Bergbauernsohn spricht gegen ihn, andererseits sucht er auch nicht gerade die Nähe der anderen Arbeiter. Sein einziger Freund ist Gruber (Hannes Perkmann), der aus anderen, nicht näher erläuterten Gründen mit den Aggressionen der Arbeiter leben muss.

„Die Arbeit muss getan werden“, sagt der Marmorwerkschef Dr. Koch (Hans Peter Hallwachs) in der jovialen Sprache des Neoliberalen, „wenn sie getan werden muss.“ Das ist das aktuelle Argument für den 12-Stunden-Tag und das versteht natürlich keiner besser als jemand, der auf einem Bauernhof aufgewachsen ist. Albert nickt verständnisvoll, aber der Unternehmer meint natürlich nur jene Arbeit, die in seinem Werk anfällt. Sobald Albert für seine Bauernarbeit um drei Tage Urlaub bittet, ist er schon entlassen. Aber da gibt es noch die aus Ungarn stammende Kantinenhilfskraft Paola (Orsi Tóth), die unter den Erniedrigungen des Vorarbeiters leidet.

Der in Bozen geborene und in Brüssel lebende Regisseur Ronny Trocker erzählt in seinem wortkargen, aber in authentischem Dialekt inszenierten Debütfilm „Die Einsiedler“ von einer archaischen Welt, deren Bewohner für ihre Lebensbedingungen und die Veränderungen keine Sprache finden. Dieser Haltung folgt auch der langsame Filmrhythmus. Ohne Sprache lässt es sich schwer ideologisch argumentieren. Daher kann Albert weder dem Unternehmer noch der Mutter etwas entgegensetzen, wenn sie sich wünscht, mit ihrem Ende auch das Ende des Hofes verknüpfen zu können, um so den Sohn zu schützen. Am Ende besteigt Albert in Meran einen Zug und fährt einer ungewissen Zukunft entgegen. Für Ronny Trocker, der am Freitag zum Tirol-Start seines Films ins Leokino kommt, sieht es in der Kinowelt dagegen ziemlich gut aus.


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