Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 21.04.2018


Kino

Konsumgesellschaft im Fokus: Utopisches zum Nachmachen

Mit seiner Kino-Doku „Zeit für Utopien“ versucht Filmemacher Kurt Langbein die Konsumgesellschaft wachzurütteln. Ein Interview mit dem Regisseur zur Tirol-Premiere.

© FilmladenSo sehen Sieger aus. 1336 Tage lang besetzten Mitarbeiter eine südfranzösische Teefabrik, um die Schließung zu verhindern. Am Ende übernahmen sie den Betrieb



Von Markus Schramek

Innsbruck — Von Nachhaltigkeit zu sprechen, ist oft das reinste Lippenbekenntnis. Konsumgüter sollen umweltschonend produziert werden, langlebig sein und ihre Hersteller fair bezahlt? Niemand wird da etwas einwenden. Gelebte Nachhaltigkeit ist trotzdem rar. Wenn Geiz geil ist, gerät der Wert einer Ware ins Off. Dass aber beide, Hersteller und Verbraucher, profitieren können, zeigt Regisseur Kurt Langbein in der Kino-Doku „Zeit für Utopien".

Die halbe Welt wurde bereist, um Wirtschaftskreisläufe zu porträtieren: Minenarbeiter in Afrika, die der Ausbeutung Einhalt gebieten. Eine bäuerliche Lebensmittel-Kooperative im Hightech-Staat Südkorea. Oder eine Teefabrik in Frankreich, die, von der Schließung bedroht, von den Mitarbeitern besetzt und übernommen wird.

Die TT hat Kurt Langbein vor der Tirol-Premiere seines Films telefonisch erreicht.

Salat im Supermarkt kostet 50 Cent, auf dem Bauernmarkt das Doppelte. Warum sollte man das teurere Produkt kaufen?

Kurt Langbein: Kauft man im Supermarkt, unterstützt man die Agrarindustrie. Kauft man am Markt, hilft das der kleinstrukturierten Landwirtschaft vor Ort. Der Konsument beeinflusst mit seiner Kaufentscheidung also den Lauf der Wirtschaft. Vor 30 Jahren haben wir 30 Prozent des Einkommens für Lebensmittel ausgegeben, aktuell sind es nur noch acht Prozent. Der Bezug zum Wert von Produkten ist verlorengegangen.

In vielen Haushalten ist der finanzielle Spielraum begrenzt. Muss man sich Nachhaltigkeit nicht auch leisten können?

Langbein: Die Vorreiter des nachhaltigen Wirtschaftens waren immer schon Menschen, die bildungsmäßig privilegiert sind. Nachhaltigkeit kann aber bewiesenermaßen die Kosten senken. Das zeigt das genossenschaftlich organisierte Wohn- und Gewerbeprojekt „Kalkbreite" in Zürich. Durch intelligente Planung wurden die Energiekosten auf ein Viertel des lokalen Durchschnitts gesenkt.

Genossenschaftlichen Modellen scheinen Sie überhaupt viel abzugewinnen.

„Vor 30 Jahren wurden 30 Prozent des Einkommens für Lebensmittel ausgegeben. Jetzt sind es nur noch acht.“ Kurt Langbein (Buchautor und Filmemacher)
- Filmladen

Langbein: Genossenschaften sind der Gegenentwurf zum kapitalistischen Ansatz. Sogar im hochkapitalistischen Südkorea mit seinen Weltkonzernen kann sich eine Lebensmittelgenossenschaft behaupten — und wie. Sie ernährt 1,5 Millionen Menschen, die Mitglieder dieser Genossenschaft sind. Bauer­n und Fischer bekommen garantierte Abnahmepreise. Über 70 Prozent des Kauferlöses bleiben den Produzenten. Das geht, weil es kein teures Marketing gibt und keinen Handel, der mitverdient.

Das Fairphone, ein alternativer Anbieter von Smartphones, erhält viel Platz in Ihrer Doku. Warum? Smartphones werden oft getauscht und sind das Gegenteil von nachhaltig.

Langbein: Ich führe das Gespräch mit Ihnen auch mit einem Fairphone. Darin sind 54 verschiedene Mineralien enthalten. Die Fairphone-Hersteller sind sehr bemüht, dass die Rohstoffe in Afrika unter ordentlichen Bedingungen gewonnen werden. Die Lebensdauer eines Fairphones ist lang, weil man Teil­e tauschen kann. Natürlich liegt der Marktanteil aber erst bei 0,1 Prozent.

Mit einer Doku lässt sich im Kino in der Regel auch kein Massenpublikum ansprechen. Kann die Botschaft der Nachhaltigkeit da eine Sogwirkung entwickeln?

Langbein: Der Film läuft auch in großen Kinozentren, nicht nur in Programmkinos. Und wenn wir einige zehntausend Menschen erreichen, ist das nicht wenig. Dazu kommen Schulvorführungen, und später läuft der Film auch im TV.

Wie hoch waren die Produktionskosten?

Langbein: 600.000 Euro. Mit Hilfe der Filmförderung und des ORF konnte das Projekt finanziert werden. 100.000 Euro habe ich selbst investiert. Die hätte ich über die Erlöse schon gerne zurück.