Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 25.04.2018


Kino

„Avengers: Infinity War“: Der Zweck heiligt die Mittel

In „Avengers: Infinity War“ führen Anthony und Joe Russo die Stränge des Marvel Cinematic Universe zusammen – und steuern auf die Mutter aller Cliffhanger zu.

© Disney/Marvel StudiosMultiplizierte Superkräfte: Black Panther (Chadwick Boseman), Captain America (Chris Evans) und Black Widow (Scarlett Johansson) machen gemeinsame Sache.



Von Marian Wilhelm

Innsbruck – Am Ende von „Avengers: Infinity War“ hat der titelgebende Krieg gerade erst begonnen. Der Film mündet in die Mutter aller Cliffhanger, der Vorhang fällt und alle Fragen offen – bis 2019. Davor liegen 149 Minuten, in denen die Schicksalsfäden des Marvel Cinematic Universe so radikal zu einem Strang gebündelt werden, wie es seit Jahren schlagzeilenträchtig angekündigt wurde.

Wenn die gottgleichen Drehbuchautoren dieses Superhelden-Universums ein Alter Ego in ihrer fiktionalen Welt haben, ist es jedoch nicht der Spinnenmann, sondern Doctor Strange (Benedict Cumberbatch). Er hat die Zeit im Griff und beherrscht die Täuschungstricks, um seinen Gegnern etwas vorzumachen. Fast könnte man meinen, die neugierigen Kinozuseher wären die Gegner der Marvel-Masterminds: Mit sadistisch langen Wartezeiten bis zur nächsten Fortsetzung und Cliffhangern aus der Suspense-Hölle foltern sie ihre Fans, bis sie die bloße Lust der Erwartung zum vorzeitigen Höhepunkt kommen lässt. Mit „Infinity War“ wurde ihnen eine solche erste Klimax in Aussicht gestellt: Hier tut sich das Avengers-Team mit den Guardians of the Galaxy zusammen, hier trifft Thor (Chris Hemsworth) auf den Black Panther (Chadwick Boseman) und auch Spiderman (Tom Holland) darf im Weltraum seine Fäden spinnen (eines der absurdesten Nebenprodukte dieser Super-Multiplikation).

Das Regie-Brüderpaar Anthony und Joe Russo hat im Ausbalancieren von Überdrüber-Ensembles Erfahrung. Die Russos, die sich ihre Sporen einst im Fernsehen bei „Arrested Development“ und Community“ verdienten, setzten bereits „Captain America: The Return of the First Avenger“ und „The First Avenger: Civil War“ in Szene.

Im Vorfeld von „Infinity War“ wurde viel Aufhebens gemacht, erste Ausschnitte wurden zelebriert – und jeder Spoiler, sprich das Verraten von Handlungswendungen, zur Todsünde erklärt: Überraschung ist alles. Nichts soll die Offenbarung kinematografischer Aha-Momente trüben.

Und „Infinity War“ ist reich an solchen Momenten. Alles beginnt – ganz Nietzsche – noch vor dem Vorspann mit der Ermordung eines Gottes. Und, darauf legt der Ober-Bösewicht großen Wert, diesmal ist keine Auferstehung vorgesehen. Gottesmörder Thanos (Josh Brolin) ist auch sonst Radikalphilosoph. Seine eigene Welt ging einst vor die Hunde, weil sie seinen Rat nicht hören wollte. Dieses Schicksal will er anderen ersparen. Deshalb spielt er selbst Schicksal. Es gilt, das größtmögliche Gleichgewicht herzustellen: Die Hälfte allen Lebens soll ausgelöscht werden. Thanos also will Gutes – und ist dafür dazu bereit, viel Böses zu tun. Dass selbst seine Töchter diese Fundamentalopposition zum Lauf der Dinge nicht mittragen können, erfährt man in Rückblenden. Solche Grautöne sind selten in einer kunterbunten Comicwelt, die sich zumeist aufs einfache Schwarz-Weiß versteht. Den Weltenrettern, die Antiheld Thanos die Stirn bieten, ist philosophisches Fachsimpeln freilich fremd. Sie sind Bauchmenschen, Frauen und Männer der Tat. Für Captain America (Chris Evans) etwa zählt der Einzelne im Jetzt mehr als künftiges Gleichgewicht. Er ist es denn auch, der in einem entscheidenden Moment den zum Greifen nahen Sieg der Superhelden-Supertruppe zunichtemacht. Sonst wäre der Film nach 90 Minuten vorbei. Aber die Logik des Franchises verlangt nach mehr Komplexität im Kampf der Superkräfte: Zu einfach errungene Erfüllung befriedigt nicht.

Das muss auch Antiheld Thanos lernen. Für seinen mörderischen Plan braucht er die sechs „Infinity Steine“ – unheimlich mächtige Relikte aus der universellen Ursuppe. Aber die wollen erstmal gefunden werden. Eigentlich Stoff für sechs Filme. Marvel hat sich dazu durchgerungen, die Jagd nach den Steinen gehörig abzukürzen – und in einen einzigen Film zu stopfen. Was „Infinity War“ ziemlich unübersichtlich macht: Trotz zweieinhalb Stunden Laufzeit muss schnell erzählt werden, Charaktermomente bleiben da genauso auf der Strecke wie die Höflichkeit. Niemand stellt sich vor – und Superhelden schon gar nicht –, dafür, das ist inzwischen gut geölte Marvel-Taktik, gibt es schließlich Einzelfilme. Nur Spiderman wagt einen naiven Vorstoß. Sein „Ich bin Peter“ wird vom Gegenüber mit einem unpersönlichen trockenen „Doktor Strange“ quittiert. Professionelle Zweckgemeinschaften, wohin man schaut.


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