Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 04.05.2018


TV

Der blinde Kommissar

Philipp Hochmair spielt in der ORF-Krimipremiere einen Ermittler, der bei einem Sprengstoffanschlag nicht nur sein Augenlicht, sondern auch seine große Liebe verlor.

© Mona FilmPhilipp Hochmair (l.) spielt einen blinden Ermittler. Andreas Guenther (r.) ist sein Taxifahrer.Foto: Brozsek



Von Ludwig Heinrich

Wien – Fernseh-Doppelleben für Philipp Hochmair. Nach dem schwulen Kanzlerkandidaten Joachim Schnitzler in den „Vorstadtweibern“ kommt der 44-jährige Wiener am Samstag in einer sehr konträren Rolle auf die Bildschirme (ORF eins, Samstag, 5. Mai, 20.15 Uhr). In „Blind ermittelt – Die toten Mädchen von Wien“ mimt er den ehemaligen Chefinspektor Alexander Haller, der bei einem Sprengstoffanschlag sein Augenlicht und seine große Liebe verlor, aber nun auf eigene Faust weiterermittelt. Sollte die Einschaltquote des Samstagkrimis passen, dürfte das Format in Serie gehen.

Im Wiener Hotel Ritz-Carlton, wo Teile des Films entstanden, erzählt Hochmair, dass er relativ skeptisch war, als er von der Produktionsfirma „Mona“ dieses Angebot erhielt: „Das war ja keine alltägliche Aufgabe und ich wusste nicht, was daraus werden sollte. Also viel Kopfschütteln und Kopfzerbrechen. Aber dann, wenn man Ja sagt, wird es zur Realität, und man tut, was man tun kann. Neues Terrain muss man sich halt erkämpfen. Gott sei Dank bin ich in ein tolles Schauspieler-Ensemble eingebettet, und einer meiner Hauptpartner ist der Steirer Andreas Guenther als Taxifahrer Nikolai, der im Lauf der Geschichte meine Lebensgeister wieder erweckt.“

Seine „Einschulung“ in die Rolle erfolgte in drei Stufen: „Begonnen hat es mit einem Besuch des interaktiven Museums in Wien beim ‚Dialog im Dunkeln‘, wo man sich innerhalb von zwei, drei Stunden als Sehender in den Zustand eines Blinden hineinversetzen kann. Ich habe dort Panikattacken erlebt, Menschen, die wegliefen. Wahrscheinlich, weil man daran denkt, dass es jedem passieren kann, zu erblinden. Ein unglücklicher Unfall genügt.“

Der zweite Schritt: „Ich habe mit dem Blindenverband Kontakt aufgenommen, um Blinde treffen zu können, die mir über die Probleme und Gefahren, ein solches Leben zu meistern, berichteten. Wenn du das hörst, zieht’s dir die Schuhe aus. Im Grund lebst du in permanenter Todesangst. Ich erfuhr, dass es manche Erblindete nicht schafften, in dieses Leben einzusteigen, und den Freitod wählten.“ Stufe drei war das Üben von Kampfszenen: „Es scheint ja ein Widerspruch, dass sich ein Blinder mit seinen Fäusten selbst verteidigen kann. Erst gab man mir Kontaktlinsen, die mein Sehvermögen auf zehn Prozent reduzierten. Aber das ließen wir sein, weil es nichts zur Gestaltung der Figur beitrug und alles maximal erschwerte. Beim Üben genügt es ja, einfach die Augen zu schließen.“

Im Film nimmt es also ein Blinder mit dem Kampf gegen Verbrecher auf. Ist es auch vorstellbar, dass man als blinder Schauspieler im Beruf bestehen könnte? „Nein“, sagt Hochmair, „als Blinder könntest du im klassischen Bühnenbetrieb nie überleben. Das wäre nicht zu meistern. Höchstens mit sehr, sehr viel Aufwand.“

Auf die Frage, wie sehr die Rolle des Alexander Haller sein Leben verändert hat, antwortet er: „Alles war ungemein anstrengend. Ein Ausnahmezustand per se. Ich hab’ mir daraufhin einen Monat Urlaub genommen und in Indien eine Ayurveda-Kur absolviert. Das bedeutet: totale Reinigung, Neudefinition des Körpers. Wenn du das einmal jährlich machst, wirst du angeblich nie krank. Doch während du diese Kur durchmachst, erlebst du alle möglichen Phasen und fühlst dich schwer krank ...“

Für Philipp Hochmair, den leidenschaftlichen („von Peymann und Castorf geprägten“) Theatermann, ist an eine Mitgliedschaft in einem Ensemble nicht mehr zu denken: „Das ginge heute einfach nimmer, weil es dich hindert, spontan auf Dinge einzusteigen. Die Dreharbeiten zu ‚Blind ermittelt‘ etwa wurden von August/September auf November/Dezember verlegt. Um das zu schaffen, musste ich gehörig herumhüpfen, weil ich auch in Mexiko und Istanbul zu tun hatte.“ Beibehalten wird er aber seine Tourneeprojekte, etwa mit dem konzertanten „Jedermann“, mit dem er 2013 in Salzburg Premiere hatte, oder mit dem „Werther“, mit dem er auch in Frankreich und Japan erfolgreich war.

Seine Zukunft in den „Vorstadtweibern“? Viel darf er nicht verraten, aber: „Der Schnitzler entwickelt sich ja vom Kanzlerkandidaten zum freien Radikalen. Im letzten Bild der Staffel drei erlebte der Zuschauer, wie er in Handschellen in Gefängnis gebracht werden sollte. Aber: Ob er dort auch ankommt? Die Antwort gibt es in Staffel vier. Ab Juli wird gedreht.“

Tja, und ein Privatleben geht sich auch noch aus? „Wozu?“, schmunzelt er, „dieser Beruf ist doch eh alles, nie langweilig, ein dauerndes Selbstexperiment.“ In diesem Zusammenhang sein Lieblingszitat. Stammt von Dostojewski: „Der Künstler ist Bruder des Verbrechens.“ Hochmair: „Will heißen: Er hat Narrenfreiheit, und im besten Fall gibt es noch positive Konsequenzen.“