Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 19.05.2018


Kino

„Der Buchladen der Florence Green“: Leiden einer Leserin

Isabel Coixet erzählt in ihrer Tragikomödie „Der Buchladen der Florence Green“ von der verklemmten Ära der 50er-Jahre.

© Emily Mortimer als Florence Green, die Hardboroughs Bewohner zum Lesen verführen möchte, aber am kleinkarierten Zeitgeist scheitert.Foto: Polyfilm



Innsbruck – Allein der Name der Stadt müsste Besucher an der Ortseinfahrt abschrecken, doch Florence Green (Emily Mortimer) kommt mit dem Schiff. Sie möchte in Hardborough nach Jahren des Herumirrens einen Neustart riskieren. In der Küstenstadt gibt es keine Buchhandlung, denn die Bewohner von Hardborough sind keine Leser. Das soll auch so bleiben.

Dagegen erweckt das verfallene, seit Jahren leerstehende Haus, dessen Kauf und Renovierung die Mittel der Bücherliebhaberin erschöpft haben, plötzlich Begehrlichkeiten bei Violet Gamart (Patricia Clarkson), die in der Stadt Ton und Moral vorgibt. Das wird im Buchladen für Florence ein einsames Leben werden, das nur im Ruin enden kann, verspricht Violet. Andererseits können Leser nie einsam sein.

Seit dem Erfolg ihres Films „Mein Leben ohne mich“ (2003) ist Isabel Coixet eine feste Größe des europäischen Independent-Kinos. Für ihre im Jahresrhythmus abgelieferten gediegenen Literaturverfilmungen kann sie jeweils auf ein fein abgestimmtes Starensemble zählen.

2008 adaptierte die spanisch-katalanische Regisseurin, ohne eine eigene Handschrift erkennen zu lassen, Philip Roths Roman „Das sterbende Tier“. Ihr aktueller Film „Der Buchladen der Florence Green“ folgt Penelope Fitzgeralds 1978 veröffentlichtem Roman „The Bookshop“.

Tatsächlich gibt es mit Edmund Brundish (Bill Nighy) einen Leser, der bei seinen Buchbestellungen eine schlichte Maxime verfolgt: „Keine Lyrik, nichts von den Brontë-Schwestern, Biografien sollen von guten Menschen, Romane von Schurken erzählen.“ Florence hat das richtige Buch für den alten Mann, der seit 45 Jahren allein in seinem Haus lebt.

„Fahrenheit 451“ begeistert ihn als allegorische Beschreibung Hardboroughs, erzählt Ray Bradbury in seinem 1953 erschienenen Roman doch von einer Gesellschaft, in der Bücher verboten sind und unverbesserliche Leserinnen sich lieber mit ihren Büchern verbrennen lassen, um sich ein Leben ohne Freiheit und Lektüre zu ersparen. Im Original ist Julie Christie als Erzählerin im Off zu hören, sozusagen als Hommage an François Truffauts Kinoversion von „Fahrenheit 451“.

Die Geschichte über die verklemmte Ära in der englischen Provinz eskaliert mit der Bestellung von 250 Exem­plaren der grünen Olympia-Press-Ausgabe von Vladimir Nabokovs „Lolita“. Es existiert noch keine Sprache für die verbotenen und verborgenen Dinge des Lebens. Vielleicht aber verführt der Skandal über „die schamlose Pornografie“ zum Lesen und zur Aufklärung. (p. a.)


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