Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 26.05.2018


Internationales Film Festival

Erschütterungen im Kleinsten: Film Festival in Innsbruck

Globale Krisen, familiäre Verheerungen: Am kommenden Dienstag startet das 27. Internationale Film Festival Innsbruck

© IFFI„Blind Dates“ am Kaukasus: Dem Kino Georgiens widmet das IFFI heuer einen Landerschwerpunkt.



Von Joachim Leitner

Innsbruck – Die Erschütterungen der Welt zeitigen auch im Kleinen und Kleinsten bisweilen verheerende Wirkung. In Jan Cvitkoviˇc’ „Druˇzinica“ etwa sind es Sparzwänge und angstgetrieben vorauseilender Gehorsam, die eine Kleinfamilie um die Existenz bringen. Cvitkoviˇc seziert den Zerfall einer Idylle mit der Präzision eines Pathologen – und legt dabei „The Basics of Killing“ frei. So lautet denn auch der internationale Titel der slowenisch-serbischen Koproduktion, die zuletzt beim Montréal World Film Festival ausgezeichnet wurde. An die zu Beginn von „Druˇzinica“ – der Originaltitel lässt sich mit „kleine Familie“ übersetzten – zu hörende Feststellung, dass alles „nur ein Film“ sei, will man trotz eines besonders trügerischen „Happy Ends“ nicht glauben.

Zusammen mit fünf weiteren Filmen konkurriert „Druˇzinica“ beim am kommenden Dienstag startenden Internationalen Film Festival Innsbruck (IFFI) um den mit 5500 Euro dotierten Filmpreis des Landes Tirol.

Im Grunde sind es sechs Familienfilme, die bei der 27. Auflage des traditionsreichsten Tiroler Kinofestivals für den Spielfilmwettbewerb ausgewählt wurden. „La Palabra de Pablo“, der zweite Spielfilm des salvadorianischen Regisseurs Arturo Menendez, lässt, lose an Shakespeares „Othello“ orientiert, eine gutbetuchte Patchwork-Familie über die eigene Gier und Eitelkeit stolpern. In der kanadischen Produktion „Man proposes, God disposes“ lernt ein polnischer Partytiger ausgerechnet von dem von einer politischen Krise in die nächste taumelnden São Paulo, dass die Flucht vor (familiärer) Verantwortung noch kein Problem gelöst hat.

Der tadschikische Wettbewerbsbeitrag „Mushkilkusho“ von Umedsho Mirzoshirinov verhandelt am Schicksal einer jungen Frau das Zusammentreffen von Tradition und Moderne – und nimmt nicht zuletzt die europäische Lust am Exotismus aufs Korn: Für „Money, Money, Money“ lässt sich selbst eine traditionelle pamirische Trauerfeier für ein deutsches Dokumentarfilm-Team mit Gesang aufmotzen. Als es dann tatsächlich Grund zur Trauer gibt, ist das Kamerateam längst weitergezogen.

Rund um die Filmwelt

Tiroler Filmschaffen. Noch vor dem offiziellen Festivalstart zeigt die Tiroler Filmemacherin Melanie Hollaus „Schlachthofblock“, den dritten Teil ihrer Innsbruck-Trilogie, am Montag, 28. Mai, im Studio 3 des ORF Tirol. Beginn: 19.30 Uhr. Am Donnerstag, 3. Juni, wird der Film um 18 Uhr im Leokino wiederholt.

Ehrenpreis. Der Ehrenpreis des Festivals geht heuer an S. Pierre Yaméogo aus Burkina Faso. Yaméogo, einer der renommiertesten Filmemacher Afrikas, wurde 2000 für „Silmande“ mit dem Filmpreis des Landes Tirol ausgezeichnet.

In memoriam. Mit der Österreichpremiere des Dokumentarfilms „Storia probabile di un angelo“ erinnert das IFFI an den Ende 2017 verstorbenen Filmemacher Fernando Birri. Auch Birris Filme „ORG“, „Ché“ sowie „Tiré Die“ und „Un Señor muy viejo con unas alas enormes“ werden gezeigt.

Der Blick durch die Kamera prägt auch Berni Goldblats „Wallay“. Ein in Europa aufgewachsener Junge muss sein Foto-Handy weglegen. In Burkina Faso, der Herkunftsheimat seines Vaters, soll er zum „echten Afrikaner“ gemacht werden. Goldblat erzählt sein identitätspolitisches Lehrstück als Tragikomödie.

Ganz auf die archaische Wucht der Tragödie setzt hingegen der dominikanische Filmemacher Nelson Carlo De Los Santos mit „Cocote“: Ein Mann kehrt der Metropole Santo Domingo den Rücken – in seinem Heimatdorf, in das er für die Beerdigung seines Vaters zurückkehrt, erwarten seine Angehörigen, dass er den Mord am Patriarchen rächen soll. Auch hier werden die großen Themen der Zeit – Klassen- und Generationenkonflikte, Korruption und gewaltbereiter Fundamentalismus – als Familiendrama verhandelt. Wobei De Los Santos mit seinem auf 35-Millimeter-Material gedrehten Film auch die visuelle Wucht des Kinos beschwört.

Abseits des internationalen Wettbewerbs nimmt das Innsbrucker Festival Geschichte und Gegenwart des georgischen Films in den Blick: Regisseur Levan Koguashvili wird seine beim Abu Dhabi Film Festival und in Zagreb ausgezeichnete Tragikomödie „Blind Dates“ präsentieren. Gezeigt werden auch Klassiker wie Otar Iosselianis Meisterwerk „Ein Sommer auf dem Dorf“ (1976). Die traditionelle Festival-Hommage ist 2018 dem serbischen Regisseur Želimir Žilnik gewidmet. Der 75-Jährige – einer der herausragenden Vertreter der so genannten „Schwarzen Wellen“ des jugoslawischen Films – wird seinen 1969 in Berlin mit dem Goldenen Bären ausgezeichneten Debütfilm „Rani Radovi“, „Marble Ass“ (1995), „The Old School of Capitalism“ (2009) und den Dokumentarfilm „Logbook Serbistan“ (2015) in Innsbruck vorstellen. Auf Žilniks jüngsten Film, das in Österreich gedrehte Flüchtlings-Drama „The Most Beautyful Country in The World“, muss das Innsbrucker Publikum hingegen noch warten: Die Österreich-Premiere ist bereits der Viennale im kommenden Herbst versprochen. Glücklich ist Festivaldirektor Helmut Groschup darüber nicht: „Ein Beispiel für die Egoismen in der Festival-Branche.“

Eröffnet wird das 27. Internationale Film Festival Innsbruck, das von Stadt, Land und Bund mit insgesamt rund 129.000 Euro gefördert wird, am Dienstag, 29. Mai, um 19 Uhr im Leo­kino mit dem kubanischen Film „Últimos días en la Habana“ von Fernando Pérez.


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