Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 08.06.2018


Film und TV

Die vielen Gesichter der Grande Dame du Cinéma

© FilmladenAgnes Varda begibt sich in "Visages, Villages" auf eine Reise quer durch Frankreich.



Letzte Woche wurde Agnès Varda 90. Kurz davor stand die klein gewachsene Regiegröße mit dem zweifarbigen Haar beim Festival von Cannes inmitten junger Filmemacherinnen neben Jurypräsidentin Cate Blanchett, um Gleichberechtigung in der Filmbranche einzufordern. In den letzten Jahren wurde sie mit vielen Lebenswerk-Preisen und Ehrentiteln bedacht, als größter lebender Regie-Star Frankreichs, als Mutter der Nouvelle Vague in den 50ern und als Ikone und Vorbild für Frauen in der Filmwelt.

Dabei begann die gebürtige Belgierin ihre kreative Karriere als Fotografin am Theater in Paris. Mehr als passend also, dass pünktlich zu ihrem 90er mit „Visages, Villages" ein neuer Film ins Kino kommt, der sich auf diese fotografischen Anfänge bezieht. Als sie 1955 ihren ersten Film „La Pointe Courte" präsentierte, ohne zuvor groß im Filmbereich gearbeitet zu haben, erntete sie viel Bewunderung. Sie habe die ersten Bilder dafür für einen todkranken Freund gedreht, der die Heimatstadt Sète nicht mehr besuchen konnte — eine Anekdote, die Auskunft über Vardas Humanismus gibt.

Zeitlebens interessierte sie sich für die einfachen Leute am Rand der Gesellschaft. In ihrem berühmtesten Film „Sans toit ni loi — Vogelfrei" erzählt sie in losen retrospektiven Episoden von einer jungen Landstreicherin. Der Film gewann 1985 in Venedig den Goldenen Löwen.

Filmtipp

„Visages, Villages — Augenblicke: Gesichter einer Reise" ist am Freitag, 8. Juni, um 19 Uhr im Rahmen der Kinovi[sie]on im Leokino zu sehen.

Viele Größen der französischen Filmgeschichte haben mit Agnès Varda gearbeitet, etwa Alain Resnais, als Editor ihres Debütfilms, der ihn für sein Opus Magnum „Hiroshima Mon Amour" inspirierte. Oder Jean-Luc Godard, der zusammen mit seiner damaligen Partnerin Anna Karina für sie vor der Kamera stand, im Kurzfilm „Les fiancés du pont Mac Donald ou (Méfiez-vous des lunettes noires)".

Einen Ausschnitt daraus zeigt sie in ihrem aktuellen Film dem jungen Fotokünstler namens JR, mit dem sie „Visages, Villages" gestaltete, bevor sie ihm den alten Meister vorstellen will. Doch der lässt die Freundin vor verschlossenen Türen stehen und empfängt sie nicht. Stattdessen erinnert er sie mit einer Botschaft an längst vergangene Zeiten, zusammen mit ihrem verstorbenen Ehemann Jacques Demy. Ihm widmete sie 1991 das Bio-Pic „Jacquot de Nantes". Mit „Visages, Villages" hat sie sich nun selbst ein lebendiges, äußerst liebeswürdiges Denkmal gesetzt, mit einer fotografischen Reise durch die französische Provinz. (maw)