Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 25.06.2018


Film und TV

“Eldorado“: Die Unsichtbaren im Ghetto

Der große Schweizer Regisseur Markus Imhoof dokumentiert in seinem neuen Film „Eldorado“ den bizarren Kreislauf aus Elend und Geld auf den europäischen Flüchtlingsrouten.

© MajesticEin Flüchtlingsschiff zwischen Afrika und Italien: Die Schlepper nehmen von jedem „Passagier“ 1500 Euro.Foto: Filmladen



Von Peter Angerer

Innsbruck – Aus enormer Höhe sind im Meer nur unscharfe bunte Punkte auszumachen. Die automatische Drohnenkamera bleibt bei der Totalen, da es nur darum geht, einem Schiff der italienischen Marine die Koordinaten zu übermitteln. Erst von diesem Schiff aus sind die Punkte als Schiffbrüchige zu erkennen, denen, am Ende der Kräfte angelangt, Rettungswesten zugeworfen werden. An Bord beginnt die Prozedur der Registrierung.

Die Geretteten werden von Ärzten untersucht, Fingerabdrücke abgenommen und mit Daten in den europäischen Staaten abgeglichen. Manche der Geflüchteten sind mit den Regeln des Dublin-Abkommens vertraut und versuchen dieser Prozedur – wie soeben dem Tod – zu entkommen, denn mit der Rettung und dem einmal gestellten Asylantrag heißt die Endstation Italien. Und Italien ist für einige der Geflüchteten nach dem Entrinnen aus der Hölle Eritreas oder Äthiopiens erst das Fegefeuer, während sie etwa in Dänemark, wo bereits Verwandte wohnen, das Paradies erwarten. Aber das ist eben der Deal, aus den Geflüchteten werden im günstigen Fall Einwanderer, Migranten, „Gäste“ für ein oder zwei Jahre in einem „privatisierten“ Lager, das für die Betreiber Gewinn abwerfen muss. Nach der Ablehnung der Asylanträge verwandeln sich die Geflüchteten in Illegale, im schlimmsten Fall in nicht mehr existierende, unsichtbare Menschen.

Minuziös zeichnet der Schweizer Regisseur Markus Imhoof in seinem Dokumentarfilm „Eldorado“ die Vorgaben und Vorgänge des (inzwischen eingestellten) Rettungsunternehmens Mare Nostrum nach.

Mit einem Deal beginnen auch Imhoofs Erinnerungen an eine glückliche Kindheit in Winterthur, die bereits in anderen Filmen der Ausgangspunkt war.

In „More than Honey“ erzählte Imhoof von seinem Großvater, einem Obstkonservenfabrikanten, der als Imker für seine Bienen einen Palast bauen ließ. Dieser Familien­tradition Bienen verdankt sich der inzwischen weltweit erfolgreichste Schweizer Film.

In „Eldorado“ kreisen die Gedanken um das aus Mailand stammende Flüchtlingskind Giovanna, das 1945 von den Imhoofs im Rahmen der „Kinderhilfe“ aufgenommen wurde. Um eine „emotionale Bindung“ schon im Keim zu ersticken, mussten die Kinder ihre Gastfamilien nach den Fristen, die für Saisonarbeiter entworfen wurden, wieder verlassen. Giovanna starb 1950 als 14-Jährige an Hunger und Elend. Die Unterwerfung an gesetzliche Vorgaben und das Versagen im humanitären Handeln thematisierte Imhoof, Jahrgang 1941, in seinem Spielfilm „Das Boot ist voll“ (1980) über (jüdische) Flüchtlinge in der Schweiz während des Zweiten Weltkriegs. Der Filmtitel wurde anschließend zur zynischen Metapher und Argumentationshülse der Propagandisten einer restriktiven Einwanderungspolitik in den 80er-Jahren.

Imhoofs im Off erzählte und mit Fotografien illustriert­e Biografie ist in „Eldorado“ nur die emotionale Klammer einer komplexen Beschreibung von Wirklichkeiten, die je nach Ideologie über geschürte Ängste oder historische Verantwortung definiert werden, da es im 19. Jahrhundert beispielsweise Schweizer Wirtschaftsflüchtlinge waren, wie ein Regierungsrat erklärt, die von der Not in ihren Dörfern in „das Schlaraffenland Amerika“ auswanderten.

Im Gran Ghetto di Rignano, einer Zeltstadt bei Foggia, leben die Menschen, die es nicht mehr gibt, ohne Papiere, aber mit der trügerischen Hoffnung, irgendwann doch noch als Flüchtlinge anerkannt zu werden. Die Frauen werden zur Prostitution gezwungen. Die Männer arbeiten für 30 Euro am Tag als Erntehelfer. Die Hälfte des Lohns müssen sie dem Vermittler von der Mafia geben. Die von ihnen geernteten Tomaten kommen von der EU subventioniert als Pomodori pelati in Dosen nach Afrika und ruinieren dort die lokale Landwirtschaft. Es ist dieser bizarre Kreislauf aus Elend und Geld, so Imhoofs Schlussfolgerung, der eine Lösung der Flüchtlingskrise verhindert. Politiker, die an Sprachbildern wie Asyl-Tourismus basteln, sollten sich „Eldorado“ ansehen.