Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 27.06.2018


Film und TV

“Love, Simon“: Ein ganz normales Outing

Mit Greg Berlantis romantischer Komödie „Love, Simon“ ist homosexuelle Liebe endgültig im Mainstream-Kino angekommen.

© Centfox„Love, Simon“ – im Bild Nick Robinson in der Titelrolle – basiert auf dem Jugendbuchbestseller „Nur drei Worte“ von Becky Albertalli.



Von Marian Wilhelm

Innsbruck – Die Zeit des Queer Cinema ist vorbei. Mit der harmlos-liebevollen LGBTQ-Teenager-Liebesgeschichte „Love, Simon“ kommt diese Woche ein Film ins Kino, der ein deutliches Zeichen für diesen Paradigmenwechsel ist: von Außenseiter-Geschichten quer zur herrschenden Ordnung hinein in die Mitte der Gesellschaft. Die Normalisierung von schwuler und lesbischer Liebe ist im Mainstream-Kino angekommen.

Titelfigur Simon (Nick Robinson) formuliert es im Voice-over klar: Er ist ein ganz normaler Oberstufenschüler in einer amerikanischen Vorstadt mit einer reichen Bilderbuch-Vater-Mutter-Schwester-Familie, besten Freunden und moderatem Schulstress. Nur sein Coming-out hatte er noch nicht, damit will er bis zum College warten. Doch dann reagiert er auf ein anonymes Posting im Schulnetzwerk und setzt die Lovestory in Gang. Dass diese von Regisseur Greg Berlanti handwerklich solide und mit viel Popmusik inszeniert auf ein fluffig-weiches Happyend zusteuert, verwundert nicht. Und dass sich Simons anonyme Flamme als schwuler, jüdischer Afroamerikaner he­rausstellt, macht die filmische Regenbogenwelt komplett. Aktivistische Pädagogik bemüht „Love, Simon“ nicht. Der Film spiegelt vielmehr eine Realität, die so oder so ähnlich längst in den Köpfen und im Alltag verankert ist.

Bei den Oscars 2018 stand mit Luca Guadagninos sonnendurchflutetem Urlaubs-Liebesfilm „Call Me By Your Name“ auch ein anspruchsvolleres Beispiel für diese Entwicklung in Hollywoods Scheinwerferlicht. Nach Filmen, die die Tragik im Leben ihrer homosexuellen Figuren dramatisch aufbereiteten oder als Biopics die Stationen des politischen Kampfes nacherzählten, dürfen es nun Herzschmerz und Happyend sein.

Selbst Autoren-Ikonen des subversiven New Queer Cinema der 90er wie Todd Haynes („Poison“) wandten sich spätestens mit „Carol“ eleganter Nostalgie zu und transgressive Trash-Provokateure wie John Waters sind längst Filmgeschichte. Weg von der rebellischen Queerness, hin zur LGBTQ-Kommodifizierung. Manche Szenestimmen kritisieren diese Entwicklung als kinematografische Gentrifizierung. Gesellschaftlich und ökonomisch ist es nur konsequent. „Love, Simon“ ist der vorläufige Höhepunkt jugendfreier Normalisierung.


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