Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 07.07.2018


Exklusiv

Joachim Meyerhoff: “Es braucht das Spielerische“

Was macht einen Zorneskünstler aus? Joachim Meyerhoff kennt die Antwort. Beim Interview auf Schloss Elmau erklärte der Schauspieler auch, warum Erfindungen Erinnerungen aufleben lassen.

© TT/Julia HammerleIn einem der Lesezimmer von Schloss Elmau nahm sich Joachim Meyerhoff, Autor und Ensemblemitglied des Wiener Burgtheaters, Zeit für ein Interview.Hammerle



Sie sind am Gelände einer psychiatrischen Klinik, die Ihr Vater leitete, mit bis zu 1500 Patienten aufgewachsen. Wie kann ich mir diesen Alltag vorstellen?

Joachim Meyerhoff: Die Dinge, die dort passierten, waren anrührend, dramatisch und hatten nahezu poetischen Gehalt. Einmal schenkte ein Patient meiner Mutter einen riesigen Strauß Rosen. Als sie später in ihren Garten ging, stand da allerdings keine einzige Rose mehr. Das Geschenk war von Herzen gemeint und doch völlig absurd. Es wurde auch immer wieder die Unterwäsche von unserer Wäscheleine geklaut. Tage später traf mein Vater auf Patienten, die ihm sagten: „Ich habe übrigens gerade die Unterhose Ihrer Frau an." Der Alltag bestand neben Anekdoten aber auch aus Schreien in der Nacht und einem Jungen, der mittendrin versuchte einzuschlafen. Das ist der Humus, auf dem ich groß geworden bin.

Damals nannte man Sie „die blonde Bombe" ...

Meyerhoff: Ich war ein zu Jähzorn neigender Junge. Ein kleiner Auslöser reichte aus, meine Brüder mussten nur etwas Winziges sagen, schon war ich so zornig, als ginge es um alles. Zorn kann eine Antwort sein, aber nur kurzfristig. Für mich war es die stärkste Emotion, in der ich gut war.

Steht Ihnen der Spitzname auch heute, im Alter von 51 Jahren, noch zu?

Meyerhoff: Die Trauer hat den Zorn über die Jahre zerbröselt. Er kommt nicht mehr „springteufelartig" hervor. Er ist altersschwach geworden. Richtig guter Zorn muss etwas Irrationales haben. Überzureagieren — das macht einen Zorneskünstler aus. Wenn Zorn berechtigt ist, ist er eh gut. Ich werde nur noch ab und zu bei Proben zornig und vor allem bei Unfreundlichkeiten im Alltag. Wenn ich mit meinem Sohn unterwegs bin. Wir haben Grün, aber da schießt ganz knapp an dem Dreijährigen ein Auto vorbei. Ich erschrecke. Werde so zornig. Und schreie. Dann schreit das Kind auch. Das macht mich unglücklich und ich denke, ich sollte alles gelassener nehmen. Na ja, nochmal zehn Jahre, dann gehe ich wohl ruhig mit allem um.

Können Sie diese Emotionsgewalt als Mitglied des Wiener Burgtheaterensembles auf der Bühne nutzen?

Meyerhoff: Klar zehrt man davon. Es geht aber nicht nur um Zorn, sondern auch um Sensibilität, und es braucht das Spielerische. Das Ausagieren extremer emotionaler Zustände bereichert die Bühne, macht Spaß und ist mühsam.

Um sich das dazu notwendige Wissen anzueignen, haben Sie eine Schauspielschule besucht. Warum ist Ihnen die in schlechter Erinnerung?

Meyerhoff: Das klingt jetzt banal, aber ich dachte, man habe dort Spaß, dürfe Theater spielen. Dabei hat man nur in uns gebohrt. Wir mussten unser Innerstes preisgeben. Hätte ich das ansatzweise geahnt, hätte ich die Schule nie besucht. Ich möchte nicht mit ihr abrechnen. Sie war nicht schlecht, aber schwer. Ich musste mich von ihr abstoßen. Das merke ich heute im Vergleich zu meinen Kindern. Die sollen in ihr aufblühen, sich mit ihr identifizieren. Ich wollte die Dinge anders machen, wollte raus und es schaffen — auch ohne Schule.

Eine der Aufgaben lautete, ein Nilpferd darzustellen, das Fontane zitiert. Das klingt doch nach Spaß.

Meyerhoff: Eine Schwachsinnsübung hoch zehn. Im Theater kommt es darauf an, ironiefähig zu sein, keine Angst zu haben, sich lächerlich zu machen, und gleichzeitig alles seriös rüberzubringen. Ich wollte ein oscarreifes Nilpferd rüberbringen. Ging nicht. Ich war nur ein langer dürrer Mann, der am Boden kniet und mit den Kiefern malmt. Da kam keiner drauf, was es sein sollte. Es war eine große Geschichte des Scheiterns. Dabei waren manche Kollegen fantastisch, etwa als Brecht zitierende Affen.

Waren Sie wegen solcher Episoden der Einzige der Klasse, der nach Ende der Ausbildung keine Anstellung bekam?

Meyerhoff: Die Falkenbergschule war ein elitärer Tempel, der von seinem Ruf zehrte. Dazu gehörte, dass Intendaten aus ganz Deutschland anreisten, denen wir Szenen vorspielten. Heute ist das ganz anders. Da kommt kein einziger mehr. Es gibt nur noch einen Bruchteil der Anfängerstellen im Vergleich zu damals.

Hat Ihnen einer der früheren Lehrer gratuliert, als Sie 2017 vom Fachblatt „Theater heute" zum „Schauspieler des Jahres" gekürt wurden?

Meyerhoff: Um Gottes willen, nein! Kein Mensch hat sich gemeldet. Ich hatte zu den Lehrern keinen Kontakt mehr.

Viele dieser Erfahrungen haben Sie in vier Büchern wiedergegeben. Inwiefern sind die autobiografisch?

Meyerhoff: Die Bücher sind verschachtelt, wechseln von Wahrheit in Fiktion. Manches, von dem der Leser denkt, es sei ganz bestimmt erfunden, hat sich genau so ereignet. Beim Schreiben ging es mir aber nicht darum, den Leser zu verwirren. Ich denke: Erfinden heißt erinnern. Über Erfindungen werden manche Erinnerungen wieder vital.

Das Interview führte Judith Sam


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