Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 10.07.2018


Film und TV

“Foxtrot“: Die Monotonie in der Wüste

Samuel Maoz erzählt in seinem tragikomischen Kinomeisterwerk „Foxtrot“ von den traumatischen Erschütterungen einer Gesellschaft im Kriegszustand.

© Der Soldat als Foxtrott-Tänzer: Die Metapher steht für den Stillstand einer Gesellschaft.Foto: Polyfilm



Von Peter Angerer

Innsbruck – Erst ein Vierteljahrhundert nach der Invasion Israels im Libanon kam der Krieg ins Kino, dafür aber gleich mit zwei Meisterwerken. Ari Folman rekonstruierte 2008 in seinem dokumentarischen Animationsfilm „Waltz with Bashir“ eigene Erfahrungen während eines Massakers. Auch Samuel Maoz, der 1982 als Panzerkommandant zu einer israelischen Kampfeinheit gehörte, erzählte 2009 in seinem Kinodebüt „Lebanon“ von persönlichen traumatischen Erfahrungen. Während „Lebanon“ in Venedig zwar den Goldenen Löwen gewann, konnte sich kommerziell nur „Waltz with Bashir“ durchsetzen, da die ästhetische Verfremdung das Grauen erträglich machte.

In seinem zweiten Film „Foxtrot“ beschreibt Samuel Maoz nun eine Gesellschaft im Kriegszustand. „Dinge, die passieren, passieren eben“, sagt einmal ein General und meint damit ein mögliches Kriegsverbrechen. „Foxtrot“ gewann 2017 in Venedig den Silbernen Löwen, nach der Preisverleihung bezichtigte die israelische Kulturministerin den Regisseur des Landesverrats. Dennoch reichte Israel den Film für den Auslandsoscar ein, der ihm leider verwehrt blieb.

Zwei für alle Eventualitäten geschulte Soldaten überbringen den Feldmans in Tel Aviv die Nachricht vom Tod ihres Sohnes. Dafna (Sarah Adler), die Mutter, muss sediert werden. Michael (Lior Ashkenazi), der Vater, möchte seinen Sohn zumindest noch einmal sehen. Ein solcher Wunsch ist in der Armee nicht vorgesehen, was beim ehemaligen Offizier den Verdacht erweckt, vom „Gefallenen“ sei nicht viel übrig geblieben. Die Soldaten entwerfen einen Trauerakt, an dessen Ende ein neuer Held stehen soll, doch Michael verlangt aggressiv keinen Helden, sondern einen lebendigen Sohn.

Nach fünf Stunden, angefüllt mit Wut, Verzweiflung und Schuldzuweisungen, steht die Familie vor einem existenziellen Abgrund. Aber das Ganze war ein tragischer Irrtum. Johathan Feldman erfreut sich auf seinem Posten bester Gesundheit.

Die zweite Episode kommt als komplett anderer Film daher und erzählt von der Monotonie des Soldatenlebens. Vier Wehrpflichtige bewachen in irgendeiner Wüstengegend einen Grenzübergang. Jeder Tag beginnt mit dem Auftauchen eines Dromedars, für das der Grenzbalken geöffnet wird. Der Vorgang wiederholt sich bei Einbruch der Dämmerung bei der Rückkehr des Tieres. Die Soldaten wärmen sich in ihrem Wohncontainer Konservendosen auf, einer von ihnen lässt eine Dose vom einen Ende des Containers zum anderen rollen. Die Rollzeit liegt bei acht Sekunden, es wird nicht mehr lange dauern, bis der Container in diesem Schlammloch versunken sein wird. Ein anderes Mittel gegen die Langeweile sind Schikanen gegen palästinensische Reisende, die etwa in strömendendem Regen ausharren müssen, bis ihre Identität von der Zentrale bestätigt wird. Die Abende vertreibt man sich mit Geschichten. Johathan (Yonatan Shiray) erzählt von der Thora, die, in seiner Familie von Vater zu Sohn vererbt, in den Zeiten der Shoah vergraben wurde, schließlich von Polen nach Israel gelangt war, um 1970 in Tel Aviv von seinem Vater gegen ein Herrenmagazin getauscht zu werden. Es sind solche Verschiebungen von Bedeutungen und Überlieferungen, die – wie der Titel – in der dritten Episode aufgelöst werden. Die Wohnung der Feldmans ist zum Kriegsschauplatz geworden.




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