Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 15.07.2018


Film und TV

“Sweet Country“: Eine Jagd auf Menschen im Outback

Der australische Regisseur Warwick Thornton erzählt in „Sweet Country“ eine indigene Western-Geschichte.

© ThimfilmDer australische Western „Sweet Country“ basiert auf einer wahren Begebenheit.Foto: Thimfilm



Von Marian Wilhelm

Innsbruck – Das Recht ist als Letztes an die Grenze gekommen und als Erstes gebrochen worden. Regisseur Warwick Thornton beschreibt mit diesem Satz jene vermeintliche Grenze der Zivilisation, die die britischen Kolonialisten in seiner Heimat Australien auf dem Land der Aborigines zogen. Mit diesem klassischen Western-Thema von Recht und Willkür befasst sich „Sweet Country“. Als australischer Western basiert er auf den Geschichten des Großvaters eines der beiden Drehbuchautoren. Eine davon handelte vom Aborigine Wilaberta Jack, der in den 1920ern für den Mord an einem weißen Siedler vor Gericht stand. Sein Alter Ego Sam Kelly (Hamilton Morris) ist nun die Hauptfigur von „Sweet Coun­try“.

Im Northern Territory arbeitet er für den weißen Prediger Fred (Sam Neill). Entgegen dem herrschenden Rassismus der Zeit sind für ihn „alle gleich in den Augen Gottes“.

Mit einem Weltkriegsveteranen (Ewen Leslie) ziehen offener Rassismus und ein ausgemachtes Trauma in die Nachbarfarm. Sams Frau wird vom Neuankömmling vergewaltigt, der Heranwachsende Philomac schwer misshandelt. Die Situation eskaliert: Sam erschießt den Weißen aus Notwehr. Ohne Vertrauen in die Justiz macht er sich mit seiner Frau (Natassia Gorey-Furber) auf ins Outback. Der besessene Sheriff Fletcher (Bryan Brown) folgt ihnen als Jäger mithilfe eines eingeborenen Fährtensuchers und Sams Boss, der ihn schützen will. Ein Verfolgungswestern durch die Landschaften des Outbacks voll Hitze und Staub beginnt und endet mit einem starken kon­trapunktischen Finale.

Regisseur Thornton („Samson and Delilah“, 2009) tappt in seinem zweiten Film nicht in die Falle, seine Geschichte mit historischer Gerechtigkeit zu überladen. Er erzählt von einer Zeit und ihren Zuständen und nimmt alle seine Figuren ernst. „Der Film soll den Rassismus nicht als simples, sinnloses Böses zeigen, sondern eher als systematische Realität der Zeit.“

Die australische Historie wird in „Sweet Country“ zum Hintergrund eines lebendigen Genre-Plots und das Genre zur Form, um Grundsätzliches zu verhandeln. Dabei geht Thornton als gelernter Kameramann von Bildern aus, aus denen sich die einzelnen Szenen entwickeln. Die Aufnahmen der Landschaft beeindrucken ebenso wie jene der Gesichter: lichtdurchflutet, ausgezehrt und staubig wie in den Filmen von Sergio Leone. Der italienische Western der 1960er-Jahre habe ihn stark beeinflusst, erklärt Warwick Thornton: „Als Kind schaute ich viele klassische US-Western – und konnte mich nicht wirklich damit identifizieren. Die Indianer waren immer die Bösen. Und ich bin Indianer, aus einem indigenen Stamm – in einem Land, das gestohlen wurde. Dann entdeckte ich den anderen Western. Filme, in denen nur die Außenseiter eine Form von Moral kannten. Diese Filme inspirierten mich, das Potenzial des Genres zu sehen, um meine Geschichte zu erzählen.“

Auch wenn die moralischen Fronten in „Sweet Country“ recht klar gezogen sind, spielt Thornton als Regisseur dennoch nicht die Rolle des historischen Anklägers. Er erzählt seine Geschichte nicht nur, aber auch aus der Perspektive Sams – und rekrutierte dafür viele Darsteller aus den Aborigine Tribes der Arrernte rund um Alice Springs, etwa die Zwillinge Trevon und Tremayne Doolan, die den geschundenen Philomac spielen.

Gerade der Umstand, dass Thornton allen seinen Figuren auf Augenhöhe begegnet, zeichnet „Sweet Country“ aus.

Und wenn in einer Szene der Sheriff zu einer mit Leintuch improvisierten Kinovorführung eines frühen australischen Westerns kommt, schließt sich auch der Kreis der Kino-Liebe.

„Sweet Country“ erlebte seine Premiere vergangenes Jahr im Wettbewerb des Venedig Filmfestivals und wurde dort mit dem Spezialpreis der Jury ausgezeichnet.


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