Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 20.07.2018


Film und TV

“Nico, 1988“: Auf dem einsamen Pfad der Selbstzerstörung

Susanna Nicchiarelli erzählt in „Nico, 1988“ von Christa Päffgen, die in den 60er-Jahren zum Superstar avancierte und traurig als Junkie endete.

© FilmladenDepressive Lieder über Verzweiflung und Weltschmerz: die dänische Schauspielerin Trine Dyrholm als Nico.



Von Peter Angerer

Innsbruck – Eine Frau reist mit leichtem Gepäck. In einer Tasche transportiert sie ein Tonbandgerät, mit dem sie Geräusche aufnimmt, die sie an ihre Kindheit erinnern, als Bomben den Himmel über Berlin illuminierten. In der anderen Tasche befindet sich ihr Heroinbesteck. Jeder Schuss in die schorfigen Venen ihres Fußes lässt sie in die Legenden ihres Lebens versinken.

Die Bilder für diese Flashbacks in „Nico, 1988” hat die italienische Regisseurin Susanna Nicchiarelli bei Jonas Mekas gefunden, der in den 60er-Jahren mit seiner Handkamera Tagebuch führte.

Das Motto des anbrechenden Medienzeitalters hatte eigentlich Marshall McLuhan erfunden, aber der war nur der Theoretiker, während Andy Warhol die Probe aufs Exempel machte.

Wer immer durch seine „Factory“ in Manhattan schlenderte, vielleicht sogar die Bögen mit Mao-, Monroe- oder Suppendosen-Bildern aus der Siebdruckpresse zog, wurde zum Superstar erklärt und hatte damit Anteil an den „15 Minuten Ruhm“. Die Superstars hießen Candy Darling, Viva oder Joe Dallesandro, doch der größte Star von allen war Nico.

Die deutsche, 1938 in Köln geborene Sängerin und Schauspielerin Christa Päffgen war Ende der 50er-Jahre als Mannequin zu einigem Ruhm gelangt, sodass sie in Federico Fellinis „La Dolce Vita” als allegorische Figur des Ruhms auftreten durfte. Mitte der 60er-Jahre war sie mit ihrem und Alain Delons Sohn Ari im New Yorker Chelsea-Hotel gestrandet. 1966 drehte Warhol mit ihr und ihrem Sohn den Film „Chelsea Girls“, der das Underground-Kino für neugieriges Publikum etablieren konnte. Ein Jahr später degradierte er die Rockband Velvet Underground zu Nicos Begleittruppe. Das von Warhol gestaltete Bananen-Cover war dann auch das Beste am Plattendebüt, das sich niemand anhören wollte und daher in den Plattenläden verstaubte. Aber eine Legende war geboren, an der auch 20 Jahre später noch heftig gestrickt wird.

In Susanna Nicchiarellis „Nico, 1988” tingelt die ehemalige „Priesterin der Finsternis“, die wieder Christa genannt werden möchte, mit Musikern aus der zweiten Reihe, Junkies wie ihre Frontfrau, durch die englische und italienische Provinz mit einem Abstecher nach Prag und Warschau.

Es ist die dänische, vor allem mit liebenswerten Frauenporträts bekannt gewordene Schauspielerin Trine Dyrholm, die beinahe stoisch den verglühenden Star auf dem einsamen Pfad der Selbstzerstörung darstellt und den Film zu einem anrührenden Ereignis macht. Der Weltschmerz, den Nico auf der Bühne mit depressiven Liedern zelebriert, ist auch das Eingeständnis des Versagens. Schon im Chelsea-Hotel war dem Superstar entgangen, wie ihr Sohn als Fünfjähriger Zuflucht im Alkohol gesucht hatte. Nico starb 1988 auf der Insel Ibiza, die Legende lebt.