Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 02.08.2018


Film

,,Fallout“: Turnvater Tom

Zum sechsten Mal wagt sich Tom Cruise auf eine waghalsige „Mission: Impossible“.


„Fallout“ treibt den Adrenalinspiegel hoch, bleibt aber weitestgehend seelenlos.

© ConstantinSchneller, höher, weiter: Tom Cruise gibt erneut den Weltenretter Ethan Hunt. Und besteht auch mit Mitte 50 weiterhin darauf, die dazugehörigen Stunts selbst zu machen.



Von Marian Wilhelm

Innsbruck — Tom Cruise ist Ethan Hunt. Im mittlerweil­e sechsten Film gibt der berühmteste Scientologe den moralisch integren Action-Agenten, der wieder ordentlich in Bedrängnis gerät. Die auf einer Fernsehserie der 60er — „Kobra, übernehmen Sie!" — basierende Film-Reihe „Mission: Impossible" ist dabei total auf ihren Star Tom Cruise zugeschnitten. Vor allem die Action-Szenen werden nach den Wünschen des Adrenalin-Junkies in ein austauschbares Handlungsgerüst eingebaut. Diesmal geht es um Plutonium-Bomben. Hunt vergibt in Berlin die Chance des Zugriffs, um ein Team-Mitglied zu retten. Die vermeintliche moralische Rechnung ist ein Menschenleben gegen Millionen. Die Exposition bekommen die Zuschauer wie immer mit Hunt zusammen als sich selbst zerstörende Botschaft geliefert. Doch bereits dieses Gimmick ist so plump gestaltet, dass man nicht anders kann, als Selbstironie zu vermuten.

Weit entfernt von der Eleganz der Kletterszene im zweiten Film, ist in „Fallout" simplere Action angesagt. Regisseur ist erneut Cruise-Intimus Christopher McQuarrie. Er setzte bereits Teil fünf „Ghost Protocol" in Szene. Damals machte das Franchise einen Abstecher in die Wiener Staatsoper. Diesmal geht die Städte-Reise von Berlin über Paris nach London. Dafür bekommt Hunt den CIA-Agenten August Walker (Henry Cavill) als Aufpasser zur Seite gestellt. Die beiden US-Spione reisen aber nicht mit gewöhnlichen Verkehrsmitteln zum noblen Party-Event im Zentrum von Paris. Sie springen über der Hauptstadt aus dem Flugzeug und landen zielsicher auf dem Dach. Hier wird der Selbstzweck der Action deutlich, der sich durch den gesamten Film zieht.

Tom Cruise liebt die Stunts, die seit dem Beginn der Film-Serie in den 90ern integraler Bestandteil von „Mission: Impossible" waren. In Brian de Palmas Debüt 1996 lag der Schwerpunkt jedoch auch auf dem Spiel mit verdeckten und falschen Identitäten und Thriller-Spannung hielt die Sequenzen zusammen.

22 Jahre später hat Tom Cruise mehr Gefallen an der waghalsigen Akrobatik gefunden, während das Drehbuch nur noch einen generischen Bösewicht und eine lose Aneinanderreihung von Schauplätzen liefert. Paris ist der urbane Spielplatz für eine mehrteilige Motorrad-Verfolgungsjagd, der ihr Dreh-Aufwand anzusehen ist. Anders als etwa Luc Besson in „Lucy" oder „Taxi" ist dieses Kitzeln der Zuschauernerven aber klassisch-realistisch abgehandelt, mit Product Placement und Sightseeing vom Arc-de-Triomphe- Kreisverkehr zur Seine.

Den Bösewicht gibt erneut der bärtige Anarchist Solomon Lane (Sean Harris). Ihn wollen seine Anhänger aus der Gefangenschaft befreien. Sein „Syndicate" hat außerdem vor, mit den Bomben die heiligen Städte der drei Weltreligionen zu attackieren, um aus dem Chaos eine neue Weltordnung erstehen zu lassen. Außerdem sinnt Lane auf Rache an Hunt.

Die Spuren des anarchistischen Terrors führen tief ins Team der Guten, wie sich bei einem Kampf der gegenseitigen Verdächtigungen in London zeigt. Der Verräter entwischt Hunt dann ausgerechnet am Dach der Tate Modern Gallery in einem Hubschrauber.

Bei so viel Action-Tourismus liegt der Vergleich zum britischen Agenten-Pendant nahe. Während Kollege James Bond sich jedoch im Laufe seiner langen Film-Karriere immer auch aufs Augenzwinkern verstand, bleibt Ethan Hunt todernst auf seine Weltrettungs-Mission fokussiert. Die alte Bekannte vom britischen Geheimdienst Ilsa Faust (Rebecc­a Ferguson) lässt er ebenso links liegen wie die französische Vermittlerin White Widow (Vanessa Kirby). Erst als seine Ex-Frau Julia (Michelle Monaghan) von den Anarchisten ins Spiel gebracht wird, geht es auch für Hunt ans Eingemachte. Er reist in die Kaschmir-Region (gedreht in Neuseeland und Norwegen). Dort versucht der Film die Action-Messlatte nochmal höher zu legen — und Tom Cruise darf einmal mehr selbstvergessen am Abgrund turnen.

„Mission: Impossible 6: Fallout" beeindruckt 147 Minuten lang mit hohem Adrenalin­spiegel, bleibt in seinen wenigen ruhigen Momenten aber weitestgehend ohne Seele. Mission erfüllt.




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