Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 04.08.2018


Geschlechtergerechtigkeit

Problem erkannt – und trotzdem nichts gelernt

Geschlechtergerechtigkeit ist in der Filmbranche allen Absichtserklärungen zum Trotz ein Fremdwort. Auch in Österreich herrscht Ungleichgewicht.

© Warner Bros.Eine Ausnahme, die die Regel bestätigt: „Wonder Woman“ von Regisseurin Patty Jenkins spielte weltweit mehr als 820 Millionen US-Dollar ein.Foto: Warner Bros.



Von Joachim Leitner

Innsbruck – Das kommende Jahr werde das Jahr der Frauen. Und es dürfe nur der Anfang sein: Jetzt, wo das Problem endlich erkannt wurde, ist die Zeit reif für einen Wandel. In der vergangenen Woche bot der britische Komiker John Oliver für seine Late-Night-Show „Last Week Tonight“ auf dem US-Pay-TV-Sender HBO den Hollywood-Größen eine Bühne, die beteuerten, dass die Geschlechterungerechtigkeit in der Traumfabrik, die Machtmissbrauch und sexistisches Verhalten fördert, erkannt wurde – und angegangen werden soll. Endlich. Sofort.

Der Clou des von Oliver vorgeführten Videoschnipsels: Er hat nichts mit den aktuellen „#MeToo“- und „Time’s Up“-Debatten in der Folge des Skandals um Harvey Weinstein zu tun, sondern stammt von der Oscar-Verleihung 1992. Die jüngst öffentlich gewordenen Missbrauchsvorwürfe mögen drastisch sein. Das Wissen um deren strukturelle Ursachen indessen ist alles andere als neu.

Die geforderten Veränderungen sind, ähnlich wie die damals ausgemachten Probleme, dieselben geblieben: Frauen muss der Aufstieg in Hollywoods Schaltzentralen ermöglicht werden, sie sollten häufiger als Drehbuchautorinnen, Regisseurinnen oder Produzentinnen engagiert werden. Dadurch würde die Filmindustrie lernen, andere Geschichten zu erzählen: Geschichten, in denen sich auch strahlkräftige Hauptrollen für Schauspielerinnen finden. Schließlich bewies just in jenem Jahr „Thelma und Louise“, dass weibliche Hauptfiguren selbst einen Actionfilm zum Kinoerfolg tragen können.

Geändert hat sich in den vergangenen drei Jahrzehnten trotzdem wenig bis gar nichts. Das belegt der jährlich von der University of South California in Los Angeles aktualisierte „Inequality-Report“. Die 1100 einträglichsten US-Produktionen, die zwischen 2007 und 2017 in die Kinos kamen, wurden für die Studie ausgewertet. Das Ergebnis: Die Schieflage blieb erschreckend konstant. Waren 2007 29,9 Prozent aller besetzten Sprechrollen weiblich, sind es ein Jahrzehnt später 31,8. Einen ausgeglichenen Cast konnten gar nur 143 der 1100 Filme vorweisen. Von den insgesamt 48.757 Sprechrollen, die seit 2007 untersucht wurden, waren nur knapp 30 Prozent weiblich. Außerdem sind Frauenrollen nach wie vor stark sexualisiert: Ein Viertel (25,4 Prozent) aller weiblichen Figuren etwa stand zumindest teilweise nackt vor der Kamera (Männer: 9,6 Prozent).

Hinter der Kamera fällt das Bild noch drastischer aus: 43 Regisseurinnen stehen gut 1200 Regisseuren gegenüber (manche Filme wurden von zumeist männlichen Regie-Duos inszeniert). Erfolgreiche, von Frauen gedrehte Filme wie etwa Patty Jenkins’ „Wonder Woman“ (2017) bleiben also nicht zuletzt deshalb die Ausnahme, weil es zu wenige weibliche Regisseurinnen gibt. Eine Trendumkehr gelang übrigens auch „Wonder Woman“ (weltweites Einspielergebnis: 821 Millionen US-Dollar) nicht: Für das aktuelle Kinojahr zeichnet sich ein ähnliches Bild ab wie 2017.

Apropos ähnlich: Auch Österreichs Filmbranche ist im Ungleichgewicht. Das weist der erste von der Universität Wien im Auftrag von Bundeskanzleramt und Österreichischem Filminstitut erstellte „Film Gender Report“ aus, der seit Mai dieses Jahres vorliegt. Untersucht wurden dafür Produktionen im Zeitraum 2012 bis 2016. 80 Prozent der Herstellungsförderungen für Film- und Fernseharbeiten gingen demnach an Projekte, bei denen Männer für Regie, Produktion oder Drehbuch verantwortlich zeichneten. Nur 14 Prozent der heimischen Kinofilme des untersuchten Zeitraums wurden mit mehrheitlich weiblichen Filmteams umgesetzt.

Etwas ausgewogener als in Übersee, aber alles andere als gerecht ist hingegen die Verteilung der Hauptrollen: 159 Handlungsträgern (55 Prozent) stehen 129 Protagonistinnen (45 Prozent) gegenüber.


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