Letztes Update am Mi, 12.09.2018 09:49

DPA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


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Arte-Doku über Romy Schneider: Mehr als die ewig junge Kaiserin

1976 sprachen Romy Schneider und Alice Schwarzer miteinander. Eine Arte-Dokumentation präsentiert Tonaufnahmen des Gesprächs und einen Blick in das Innenleben der Schauspielerin – samt dunkler Geheimnisse.

© dpaRomy Schneider brillierte in über 60 Filmen. Ihr letzter Auftritt als „Die Spaziergängerin von Sans-Souci“ kam wenige Tage vor ihrem Tod 1982 in die Kinos. Die Franzosen liebten sie und nannten sie La Schneider.



Von Maximilian Perseke, dpa

Berlin – Romy Schneider gibt ihre Antworten auf Französisch, Alice Schwarzer stellt die meisten Fragen auf Deutsch. Das ist die Konstellation eines Gesprächs zwischen der legendären Schauspielerin und der zumindest Feministin und Journalistin, das am späten Abend des 12. Dezember 1976 in Köln stattfand, fünfeinhalb Jahre vor dem Tod Romy Schneiders.

Am 16. September, eine Woche, bevor Romy Schneider 80 Jahre alt geworden wäre, zeigt Arte um 22 Uhr den Dokumentarfilm „Ein Abend mit Romy“ von Regisseur Patrick Jeudy. Für den Film hat Alice Schwarzer die nächtlichen Tonaufnahmen aus Köln, die nach Angaben von Arte bisher unveröffentlicht waren, zur Verfügung gestellt. Und sie kommentiert diese auch selbst. Der Film verspricht einen Blick in die Psyche Romy Schneiders, bei dem sich auch manches zeigt, was Romy Schneider geheim halten wollte.

Dass im Leben der Schauspielerin vieles nicht rosig war, ist bekannt. Nicht zuletzt kämpfte Romy Schneider gegen ihr Image als die ewig junge Kaiserin, die sie in den „Sissi“-Filmen verkörperte. Dazu kamen gescheiterte Beziehungen und der Tod ihres 14-jähriges Sohnes, der beim Klettern über einen Zaun verunglückte.

Der Film orientiert sich an der Biografie der Schauspielerin, die 1938 als Rosemarie Magdalena Albach zur Welt kam: Es geht um die Kindheit vor allem im bayerischen Berchtesgaden, ihre Karriere in Deutschland, den Umzug nach Frankreich, wo sie sich zur Charakterdarstellerin entwickelte, um ihre Beziehungen, zum Beispiel mit dem französischen Schauspieler Alain Delon. Auf den ausgewählten Mitschnitten äußert sich eine melancholisch anmutende 38-Jährige, die über das Älterwerden und ihre Identität nachdenkt.

Schneider haderte mit ihrer Herkunft

Der Fokus bleibt stets auf dem Innenleben von Romy Schneider. Erzählerisch tut der Film gut daran. Es ergibt sich das Bild einer Frau, die vieles gesehen hat, vieles erlitt, die mit ihrer Herkunft haderte, auch, weil sie als in der Öffentlichkeit stehende Person viel Kritik und Häme einstecken musste.

Das prägte auch ihr Verhältnis zu Deutschland, wie sich aus den Tonbandaufnahmen ergibt: „Wo ich mich wohlfühle? Wo hat man mich mit offenen Armen empfangen? In Frankreich. Hier hat man mich angespuckt. Und warum? Weil ich in einen Mann verliebt war? In Alain Delon? Weil ich Deutschland verließ?“ Zwischengeschnitten sind stets längere Erklärungen von Alice Schwarzer.

Die Stärke des Films ergibt sich aus dem Vertrauensverhältnis zwischen den beiden Frauen in jener Nacht des Jahres 1976. Aber daraus resultiert auch eine Schwäche. Alice Schwarzer kommt bisweilen mehr zu Wort als die Schauspielerin. Und das Bild von Romy Schneider und der Welt, in der sie lebte, ergibt sich nicht aus den Tonaufnahmen von damals, sondern wird durch Schwarzers Erklärungen von heute geprägt.

Das zeigt sich gerade an der heikelsten Stelle im Film. Es geht um Romy Schneiders Stiefvater Hans Herbert Blatzheim. Alice Schwarzer schildert, wie Romy Schneider gesagt habe, dass sie das Tonband ausschalten solle. Was sie auch tat. Im Film gibt Schwarzer aber wieder, was Romy Schneider gesagt haben soll: „Sie hat zu mir gesagt: ‚Er hat versucht, mit mir zu schlafen. Und das nicht nur einmal.‘“

Schwarzer entschloss sich, über Romys Missbrauch zu reden

Über den mutmaßlichen Missbrauch durch Blatzheim hat Alice Schwarzer schon vorher geschrieben und gesprochen. Im Film erklärt Schwarzer, warum sie sich dazu entschlossen habe – obwohl Romy Schneider das ausdrücklich nicht vor laufendem Tonband sagen wollte: „1976 hat man noch nicht über sexuelle Gewalt geredet. Ich habe jahrzehntelang nicht darüber gesprochen, weil ich ihren Willen respektierte.“ Doch um Romy Schneider zu verstehen – in ihrer Verzweiflung und Verletztheit – müsse man das wissen. „Und es ist gut, es jetzt zu sagen.“ Das kann man so sehen, muss man aber nicht. (dpa)