Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 11.11.2018


Film und TV

Im Zwiegespräch mit der Geschichte

Jean-Luc Godard, der Altmeister der einst jungen Wellen, dekonstruiert in seinem Kinoessay „Le Livre d’Image“ arabische Film-Bilder.

Filmhistorische Handarbeit: Die Hände von Essayfilmer Jean-Luc Godard an einem analogen Schnittplatz.

© Cinestar FilmverleihFilmhistorische Handarbeit: Die Hände von Essayfilmer Jean-Luc Godard an einem analogen Schnittplatz.



Von Marian Wilhelm

Innsbruck – 87 Jahre und kein bisschen leise. Jean-Luc Godard ruht sich nicht auf seinem eigenen Mythos aus. Der „last man standing“ der Nouvelle Vague will es mit seinem aktuellen Film „Le Livre d’Image“ schon wieder wissen. Der Titel ist eine Ansage: Einmal mehr geht es um Grundsätzliches. Untertitel: „Image et parole – Bilder und Rede“.

Das Kino wird bei Godard zur Assoziationsmaschine, der Film zum Text. Godard geht es wie schon in seinem Film von 2014 „Adieu au langage“ um die filmische Sprache und Sprachkritik.

Er bleibt dabei immer der alten Brecht’schen Verfremdung treu und bricht Ton und Bild seiner Erzählung, zerlegt das Ganze in seine Einzelteile – und verformt alles zur anregenden Unendlichkeit. Diesmal liefern selbst die Untertitel keine vollständige Übersetzung des Gesagten. Nie soll der Zuschauer vergessen, dass er im Kino oder vor dem Bildschirm sitzt und nur ein Bilderbuch durchblättert. Doch was verbirgt sich zwischen all diesen Brechungen?

Der Meister lässt uns an einem wilden Stream of Consciousness teilhaben, der um das Thema Gewalt und Krieg kreist, in fünf Kapiteln, die „wie Finger einer Hand“ zu einem sechsten Teil führen und Titel tragen wie „Remakes“ oder „Unter den Augen des Westens“.

Konkret im Blick ist das, was gemeinhin Arabien genannt wird, samt Schnipseln von IS-Hinrichtungsvideos aus dem Internet und Verweisen auf den „Felix Arabia“-Orientalismus von Alexandre Dumas.

Der Film ist aber auch eine Auseinandersetzung mit dem französisch-ägyptischen Godard-Freund Albert Cossery und dessen Roman „Une ambition dans le désert“. Der dreht sich um den fiktiven Emir von Dofa und die fehlenden Öl-Reserven in seinem Paradies. Das alles wurde Godard bei der Premiere des Films beim diesjährigen Filmfestival von Cannes als kolonialistisch vorgeworfen. Was habe denn ein alter weißer Mann dazu zu sagen? Das, was der alte Weise vom Genfer See zu sagen hat, ist jedenfalls verschlüsselt genug, um unangreifbar zu bleiben. Godard gefällt sich durchaus in dieser Rolle des anarchischen Propheten, seine Stimme begleitet „Le Livre d’Image“ aus dem Off mit Sätzen wie: „Jeder will heute König sein, keiner mehr Faust.“ Faustische Energie ist durchaus noch spürbar. Doch wenn man Jean-Luc Godard heißt, kann man im Grunde alles in Bewegtbilder gießen und wird trotzdem nach Cannes in den Wettbewerb eingeladen. Dort gab Godard eine Pressekonferenz via Handy-Video und die Jury um Cat­e Blanchett verlieh ihm konsequenterweise die erste Spezial-Palme der Festivalgeschichte.

Die Aura Godards war zuletzt auch bei der Viennale spürbar. Dort erzählten zwei seiner Kollaborateure von der Arbeit mit dem Meister: Fabrice Aragno produzierte den Film und berichtete von der Schwierigkeit, den Videokassetten-Schnittplatz wieder in Gang zu bringen. Nicole Brenez von der Cinémathèque Française lieferte Archivmaterial für die Collage. Sie war bei der Viennale auch als Kuratorin der Schiene „Visual Justice“ zu Gast, in der es passenderweise um die Bildpolitik des Weltkinos und die blinden Flecken der Kinobilder geht.

Godard ist also wieder im Zwiegespräch mit der Filmgeschichte, auch seiner eigenen. Der Text des Films sei wie ein Haiku, meinte Fabrice Aragno. Am Ende bleibt nur die subjektive gefühlte Wirkung dieses Bilderbuchs.


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