Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 20.11.2018


Film und TV

“The Ballad of Buster Scruggs“: Boccaccio in “far West“

Mit „The Ballad of Buster Scruggs“ blicken Joel und Ethan Coen mit viel Ironie auf Wild-West-Klischees. Allerdings nicht im Kino, sondern auf Netflix.

Tom Waits als Volksweisen singender Goldsucher in der Wild-West-Vignetten-Sammlung „The Ballad of Buster Scruggs“.<span class="TT11_Fotohinweis">Foto: Netflix</span>

© Tom Waits als Volksweisen singender Goldsucher in der Wild-West-Vignetten-Sammlung „The Ballad of Buster Scruggs“.Foto: Netflix



Innsbruck – Zuletzt waren die Brüder Joel und Ethan Coe­n mit „Hail, Caesar!“ in der Hollywood-Studiowelt der 50er unterwegs, nun sind sie im Wilden Westen des Internets gelandet. In ihrem 18. gemeinsamen Film „The Ballad of Buster Scruggs“ erzählen sie sechs Western-Geschichten. Mit Starbesetzung, aber ohne Kino-Start. Den Segmenten dieses Anthologie-Films liegen über die Jahre entstandene Kurzgeschichten der Coen-Brüder zu Grunde. Das Projekt insgesamt sei von italienischen Portmanteau-Filmen der 60er inspiriert, erklärten die Oscar-Preisträger beim Filmfestival von Venedig. Die wiederum orientierten sich nicht zuletzt an Boccaccio­s „Decamerone“. Direkt verbunden sind die einzelne­n Kapitel von „The Ballad of Buster Scruggs and Other Tales of the American Frontier“ nicht. Konzipiert haben die Coens den Film zunächst als TV-Serie. Erst im Laufe der Produktion wurde ein abendfüllender Spielfilm daraus.

Die Titelgeschichte ist ein Saloon-Musical mit Tim Blake Nelson als singendem Outlaw, der seine Geschichte gleich direkt in die Kamera erzählt, mit geschliffenen Worten und Südstaaten-Akzent: „Dinge eskalieren für gewöhnlich recht schnell hier draußen im Westen, eines führt zum anderen.“ Das darf man dann doch als programmatischen Hinweis verstehen.

Die Coens bedienen sich typischer Western-Motive vom Shoot-out auf der Hauptstraße über den Bankraub bis zum Indianer-Angriff. Die Reise geht vom Monument Valley bis nach New Mexico. Der Rückgriff auf die Dauerbrenner des Genres ist dabei ironisch gebrochen, der Blick auf die Vorgänge beseelt vom Humor der dunkelschwarzen Sorte. Am schwärzesten ist die Episode „Meal Ticket“ rund um zwei Schausteller: Der eine, ein Krüppel ohne Arme und Beine, rezitiert Shakespeare und Abraham Lincoln. Der andere, sein Impresario (Liam Neeson), versorgt ihn. Als Bankräuber darf James Franco in „Near Algodones“ von einem Unglück ins nächste schlittern. Im „All Gold Canyon“ gräbt ein verwitterter Tom Waits systematisch nach Gold, hoffnungsvoll ins Selbstgespräch vertieft und irische Volkslieder singend, nur um von einem jungen Banditen überrascht zu werden. „The Gal Who Got Rattled“ stellt die Siedlerin Alice (Zoe Kazan) ins Zentrum, die mit einem Wagen-Trail westwärts zieht und dabei fast die Liebe findet. Die letzte Episode „The Mortal Remains“ spielt als Dialog-Stück in einer Postkutsche, mit Brendan Gleeson als Kopfgeldjäger.

Auch wenn sich die Bilder bisweilen der weiten Prärie öffnen, bleiben die Wild-West-Vignetten von Ethan und Joel Coen kompakte Kurzgeschichten, die sich bestens für die kleine Heimkinoleinwand eignen. Trotzdem darf man hoffen, dass die Coens ihre nächste große Geschichte wieder für das Kino erzählen. (maw)