Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 24.11.2018


Film und TV

Liebe, Lügen und Propaganda

Nach seinem 2014 mit einem Oscar ausgezeichneten Film „Ida“ umkreist Pawel Pawlikowski auch in seinem neuen Meisterwerk „Cold War“ die tragische polnische Geschichte.

© PolyfilmKönnen nicht miteinander, aber auch nicht ohne einander leben: Wiktor (Tomasz Kot) und Zula (Joanna Kulig) in „Cold War“.



Von Peter Angerer

Innsbruck – Mit einem alten, zu einem Aufnahmestudio umgebauten Lastwagen rumpeln Irena (Agata Kulesza) und Wiktor (Tomasz Kot) 1949 durch die polnische Provinz. In vom Krieg noch zerstörten Dörfern nehmen sie alte Musiker, in deren Gesichtern die Entbehrungen der vergangenen Jahre zu sehen sind, und junge Sängerinnen auf, die bereits die Hoffnung auf eine große Zukunft ausstrahlen. Das ist auch der Zweck dieser mühsamen Dienstreise der Feldforscher, die vorgeblich nach unverfälschter Volkskunst suchen, tatsächlich aber ein Ensemble organisieren.

Wie in den anderen eben gegründeten Satellitenstaaten des Ostblocks verfolgt auch die sozialistische Kulturpolitik Polens die Vereinnahmung betörender Traditionen, unter die sie bald den sozialistischen Realismus in der Form einer schrecklichen Stalin-Kantate zu mischen gedenkt. Bald stört den zuständigen Politkommissar Kaczmarek (Borys Scyc) das Erscheinungsbild der Volkstanz- und Volksliedtruppe. Die Sänge­rinnen sollen in ihren weißen Leinenkostümen polnische Bauernmädchen darstellen, die nur mit blonden Haaren als solche erkannt werden.

Zula (Joanna Kulig) verkörpert diese Idealvorstellung, obwohl alles an ihr eine Fälschung ist. Sie weiß Konkurrentinnen auszuschalten und verbirgt eine dunkle Vergangenheit, die sie für das staatliche System der Überwachung erpressbar macht. Das wäre für einen Charakter wie jenen Zulas aber gar nicht notwendig, da sie den Verrat ohnehin liebt.

Wiktor, der als Pianist und musikalischer Direktor das Ensemble leitet, ahnt die verhängnisvollen Folgen seiner Leidenschaft für die blonde Schwindlerin. Als beide ermattet im Gras liegen, sagt Zula nur, sie habe ihn verraten. Das ist eine Amour fou, eine verrückte Liebe, in der Politik und Bosheit die Gefühlslage lenken.

Als Sehnsucht und Heimweh den in den Westen geflüchteten Wiktor zur Rückkehr bewegen, wird das Heimweh mit dem Arbeitslager belohnt. Dafür muss sich Wiktor, an sich ein unpolitischer Mensch, der sich nur für Jazz und Zula interessiert, staatsfeindlicher Aktivitäten bezichtigen lassen. Für einen Fremden, der als Gespenst durch die Halbwelt von Saint-Germain irrt, ist es die attraktivere Perspektive.

Pawel Pawlikowski hat „Cold War” seinen Eltern gewidmet, aber im Film über die Epoche des Kalten Krieges in Polen erzählt der Regisseur auch von seiner Biografie. Als 14-Jähriger war Pawlikowski 1971 mit seiner Mutter von Polen nach England emigriert. Nach einigen gerühmten Dokumentarfilmen wurde er 2004 mit dem Film „My Summer of Love“ zu einem der Hoffnungsträger des britischen Kinos. 2013 kehrte Pawlikowski nach Warschau zurück, um mit „Ida“ von Verstrickungen polnischer Bürger in antisemitische Verbrechen während der deutschen Besatzung zu erzählen. Statt Pawlikowski für seinen Oscar-Triumph zu feiern, wurde der Regisseur von der Regierung als Verräter und Geschichtsfälscher denunziert.

Wieder waren Politiker an der Macht, die jede Kunst jenseits von Folklore verachten, wenn sie nicht ihren Propagandazielen dient. Trotz dieser Verurteilung und entsprechender Schikanen – immerhin kein Arbeitslager – bleibt Pawlikowski Polen treu. Er lehrt an der Andrzej-Wajda-Filmschule Drehbuch und Regie und Polens größter Regisseur war es auch, der vor seinem Tod Pawlikowski gegen die Attacken der Regierung heftig verteidigte.

Für „Cold War“ gewann Pawel Pawlikowski beim Festival in Cannes den Regiepreis. Bereits im September reichte Polen das Meisterwerk für die kommende Oscarverleihung ein. Gute Propaganda kann nicht schaden.