Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 19.12.2018


Kino

„Juliet, Naked“: Die verschwendeten Jahre

In der Kinoadaption von Nick Hornbys Roman „Juliet, Naked“ erzählt Jesse Peretz von den dunklen Seiten der Popstars und den Obsessionen ihrer Fans.

Ethan Hawke bringt als Tucker Crowe seinen Starstatus in „Juliet, Naked“, Rose Byrne liefert als Annie den Charme.

© PolyfilmEthan Hawke bringt als Tucker Crowe seinen Starstatus in „Juliet, Naked“, Rose Byrne liefert als Annie den Charme.



Von Peter Angerer

Innsbruck – Duncan Thomson (Chris O’Dowd) hat sich in seinen Lehrveranstaltungen auf das Kino der 70er-Jahre spezialisiert. Besessen ist der Filmtheoretiker nur von der mystischen Figur des US-amerikanischen Singer-­Songwriters Tucker Crowe (Ethan Hawke), der nach seinem Debüt-Album „Juliet“ von der Bildfläche verschwunden ist. Im Haus seiner Lebensgefährtin Annie Platt (Rose Byrne) hat er einen Gedenkraum eingerichtet, der ihn als krankhaften Charakter erscheinen lässt. Das wirft natürlich kein günstiges Licht auf Annie, die das kleine Stadtmuseum leitet, in dem als größte Attraktion das Auge eines Hais ausgestellt wird, der 1964 an den Strand des beschaulichen Badeortes gespült worden war.

Genüsslich badet der Regisseur Jesse Peretz, der von 2012 bis 2017 maßgeblich an der Entwicklung des Stils der TV-Serie „Girls“ beteiligt war, in der romantischen Komödie „Juliet, Naked“ in den britischen Schrulligkeiten, die Nick Hornby in seinem gleichnamigen Roman entworfen hat.

Nicht nur wegen Duncans reduzierter Sicht auf Welt und Wirklichkeit steuert seine Beziehung zu Annie dem Ende entgegen. Ihr Kinderwunsch scheitert an den düsteren Prognosen für das Klima, da ist es nicht mehr weit zur Erkenntnis, die vergangenen Jahre verschwendet zu haben.

Diese Erfahrung teilt Annie mit fast allen Freundinnen oder Begleiterinnen in den Romanen (und darauf folgenden Kinoadaptionen) von Nick Hornby, der 1992 mit „Fever Pitch“ seine Erfolgsmasche über Fußball, Popmusik und Fankultur eröffnete. Irgendwann kamen diese Egozentriker zur Einsicht, dass sie mit ihren Obsessionen und ihrer Oberflächlichkeit auf lang­e Sicht auf dem Dach eines Hochhauses landen könnten, um sich nur noch in einem letzten Balanceakt zwischen Leben und Tod ihrer Existenz versichern zu können. Darüber hat Hornby den ebenfalls verfilmten Roman „A Long Way Down“ geschrieben.

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Nur Duncan ist unverbesserlich. Als ihm der Zufall eine Urfassung des „Juliet“-Albums in die Hände spielt, sieht er sich mit „Juliet, Naked“ im Besitz der Lösung zu allen Rätseln um das Verschwinden des One-Hit-Wonders. Er veröffentlicht eine Hymne über das Material, während Anni­e eine ätzende Kritik nachschiebt, die Crowe­s diskrete Aufmerksamkeit erregt. Nach ersten Mail-Kontakten entsteht eine „transatlantische Brieffreundschaft“. Wie Annie hat auch der Musiker seine Zeit verschwendet, wenn auch mit Alkohol und Drogen. Er lebt in New Jersey, wo ihn die Mutter seines Sohnes Jackson (Azhy Robertson) unentgeltlich in einer Garage wohnen lässt. Crowe ist gerade dabei, in seinem Leben aufzuräumen. Dazu gehört auch das Aufsuchen inklusive erhoffter Versöhnung mit seinen rund um den Planeten verstreuten Kindern und deren Müttern, die ihn glücklicherweise nie mit Unterhaltsforderungen belästigt haben. Da seine Tochter Lizzie (Ayoola Smart) in London ein Kind zur Welt bringt, könnte er Annie als stolzer, wenn auch verlegener Großvater gegenübertreten. Tatsächlich gibt er im kleinen Museum von Sandcliff im Angesicht des Haiauges sein erstes Konzert seit 20 Jahren. Crowe/Hawke singt „Waterlo­o Sunset“, einen Song, den er „gern geschrieben hätte“, der aber von Raymond Davies stammt. Allein dafür lohnt sich der Film.

Es muss nur noch geklärt werden, wie viele Crowe-Kinder es wirklich gibt, was damals mit Juliet passiert ist und Crowe verstummen hat lassen. Man darf dabei auch an Dylans Sara, Cohens Suzann­e oder an andere Musen denken.