Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 31.12.2018


Kino

„Colette“: Libertinage in der Belle Époque

„Colette“ erzählt von der selbstbewussten französischen Bestseller-Schriftstellerin im Jahr 1900.

Keira Knightley hat sichtlich Spaß als Colette. Im Paris der Jahrhundertwende nimmt sich Sidonie-Gabrielle Colette die Freiheit – in ihren privaten Beziehungen und als Autorin erfolgreicher Romane.

© FilmladenKeira Knightley hat sichtlich Spaß als Colette. Im Paris der Jahrhundertwende nimmt sich Sidonie-Gabrielle Colette die Freiheit – in ihren privaten Beziehungen und als Autorin erfolgreicher Romane.



Innsbruck – Sidonie-Gabrielle Colette hat sich definitiv ein Biopic verdient. Nicht zufällig wurde die französische Schriftstellerin mit einer wenig fiktionalisierten Reihe autobiografischer Romane berühmt, die die Pariser vor 118 Jahren schockierten und faszinierten. Dass zuerst nicht sie selbst, sondern ihr Mann den Erfolg für sich verbuchte, davon erzählt nun der englischsprachige Film „Colette“ von Wash Westmoreland.

Die junge Frau, die sich bald nur noch Colette nennt, heiratet den älteren Lebemann Henry Gauthier-Villars. Er betreibt unter dem Namen Willy eine Art Schreibfabrik samt angestellten Ghostwritern und animiert seine Frau, eine davon zu werden. Sie liefert ihm mit „Claudine à l’école“ eine lesbische Liebesgeschichte im Mädcheninternat ab. Er vermarktet das anzüglich-sinnliche Buch unter seinem Namen bis hin zum Claudine-Merchandising.

In den Folgeromanen werden für Colette auch die Eskapade­n des berühmt-berüchtigten Society-Paares Colette-Willy zur Inspiration, etwa die Affäre der beiden mit derselben Frau. Doch trotz aller Freiheiten emanzipiert sich Colette zusehends und fordert die Autorenschaft ihrer Romane. Ihre langjährige lesbische Beziehung mit der Marquise de Belbeuf (gespielt von Theater-Mimin Denise Gough), die zur damaligen Zeit mit Männer-Kleidern schockierte, führt im Rahmen einer Varieté-Aufführung zum Skandal. Colettes späte Ehren bis hin zu Nobelpreis-Nominierung und Staatsbegräbnis erzählt der Film nicht mehr.

Keira Knightley (versiert in Historienfilmen wie „Stolz und Vorurteil“) interpretiert ihre Colette ebenso verspielt wie selbstbewusst. Dominic West („The Wire“) balanciert zwischen charismatischem Libertin und Unsympathler.

Dass mit „Colette“ nun nach „Mary Shelley“ gleich das zweite Biopic einer berühmten Autorin ins Kino kommt, lädt zum Vergleich ein. Anders als der Film über die Frankenstein-Autorin versucht „Colette“ der Zeit seiner Protagonistin auch im filmischen Stil gerecht zu werden.

Regisseur Wash Westmore­land entwickelte das Projekt mit seinem kürzlich verstorbenen Ehemann Richard Glatzer. Ihr vielfach ausgezeichneter gemeinsamer Film „Still Alice“ brachte Julianne Moore 2015 den Oscar ein.

In „Colette“ macht er nun allein das Paris der Belle Époque mit all seiner Dekadenz spürbar und inszeniert über weite Strecken witzig, spritzig und flott. Die Cafés und Varietés samt Moulin Rouge sind zwar in Budapest und im Studio nachgestellt, sprühen aber vor Lebendigkeit. „Colette“ setzt der berühmten Französin ein würdig-wildes Denkmal. (maw)